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K. Bubolz, NCL: "Der Wert des Reisens wird jetzt noch mehr geschätzt"


Kevin Bubolz
Als eine der ersten Reedereien hat NCL die Wiederaufnahme des Kreuzfahrtbetriebs Ende Juli angekündigt. Weitere Routen folgen jetzt Schlag auf Schlag. 

Die erste Kreuzfahrt ab Athen am 25. Juli ist ausgebucht. Weitere Routen ab Rom und Barcelona werden ab 5. September wieder aufgenommen. Die Vorausbuchungen sind besser als je zuvor. Wie Norwegian Cruise Line den Restart anlegt, erzählt Kevin Bubolz, Managing Director NCL Europe, im Gespräch mit tip-online. Weitere Themen: das knapp gehaltene Angebot könnte zu Preissteigerungen führen. Die Nachfrage der Kunden entwickelt sich schneller als die Reisebüros wieder hochgefahren werden können. Die Pandemie hat zu einer Rückbesinnung auf den Wert der Reisefreiheit und des Reisens geführt.

Fragen & Antworten

tip-online: Ende Juli nimmt NCL den Betrieb nach mehr als einem Jahr wieder auf. Wie ist die Nachfrage für die ersten Reisen?
Kevin Bubolz: Ja, am 25. Juli geht es das erste Mal wieder los, ab Piräus. Die erste Reise ist ausverkauft, aber wir erlauben ein paar Überbuchungen, weil es sicher ein paar kurzfristige Stornos geben wird. Die Nachfrage ist gut.

Mit welcher Auslastung wird gefahren?
Kevin Bubolz: Wir fahren ungefähr halbvoll. Dann sehen wir von Reise zu Reise. Wenn alles rund läuft, werden wir sicher bald auf 60% Auslastung steigern. Sicherheit ist jedenfalls das oberste Kriterium.

Eine vollständige Impfung gegen Corona ist die Voraussetzung, um an Bord zu gehen – welche Märkte können diese Vorgabe erfüllen?
Kevin Bubolz: Im Prinzip alle Märkte. Wir reden dabei von unseren Abfahrten in der Zeit Juli bis Oktober. Das werden wir voraussichtlich nur bis Ende Oktober beibehalten. Die Durchimpfung wird noch ein bisschen Zeit brauchen, aber der Fortschritt ist sehr rasch. Das sehen wir auch am Buchungsverhalten.

Preise könnten steigen

 

Wie ist die Nachfrage aus den deutschsprachigen Märkten, speziell aus Österreich?
Kevin Bubolz: Allgemein verhält sich der Markt Österreich ähnlich wie Deutschland. Es gibt nach wie vor Unsicherheit und wesentlich mehr Interesse für Abfahrten 2022/23, da sehen wir ein normales Buchungsverhalten. Für 2021 wird vorwiegend Europa gebucht. Für 2022/23 auch Fernstrecken. Unsere Partner denken, dass ab Mitte Mai / Anfang Juni die Nachfrage anziehen wird. Da könnte es dann auch zu steigenden Preisen kommen, weil relativ wenig Kapazität im Markt ist. Da kann es auch mal eng werden. Viele Agents sind noch in Kurzarbeit. Die Nachfrage wird sich wohl schneller entwickeln als das Hochfahren der Reisebüros gehen wird. Dadurch kann es zu mehr Direktbuchungen kommen. Wir hoffen aber, dass wir von der Erholung alle gemeinsam davon profitieren können.

Die Vorausbuchungen für 2022 sind ja recht gut – sind das echte Neubuchungen oder mehr verschobene Reisen aus dem Vorjahr?
Kevin Bubolz: Nicht alles sind Verschiebungen. Wenn unsere Gäste am 25. Juli wieder an Bord gehen dürfen, dann sind es genau 488 Tage, seit der letzte Passagier eines unserer Schiffe verlassen hat. Es gibt viel Nachholbedarf, die Reiselust ist ungebrochen. Die Leute schätzen Reisen sehr hoch, sie haben mehr Wert gewonnen. Das ist ein Grund, warum die Preise derzeit ganz normal sind. Die Menschen waren mehr als ein Jahr in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und konnten dabei nur wenig Geld ausgeben.

Die Krise hat Entwicklungen beschleunigt

Überwiegt bei Buchungen jetzt der emotionale oder der wirtschaftliche Aspekt?
Kevin Bubolz: Ich glaube, dass der emotionale Effekt im Vordergrund steht. Natürlich hat die Krise auch wirtschaftliche Auswirkungen auf viele, aber unsere Kunden sind nicht am unteren Ende des Preissegments angesiedelt. Emotionen haben einen hohen Stellenwert.

Merkt ihr ein verändertes Nachfrage-Verhalten? 
Kevin Bubolz: Nein. Wir bieten die gleichen Routen an wie vor der Pandemie. Teilweise merken wir eher eine „jetzt erst recht“-Haltung. Die Leute sind bereit, für Qualität zu zahlen. Wir sehen aber keine große Veränderung im Verhalten unserer Kunden. Wir sind besser vorausgebucht als je zuvor. Nachhaltigkeit war bei uns schon vor der Krise ein Thema und wird es auch bleiben. Das verhält sich so mit allen Trends, die schon vorher da waren. Der Wert des Reisens wird jetzt noch mehr geschätzt. Im Bereich der Sicherheit an Bord wird vieles auch nach der Pandemie bleiben. Das wurde durch die Krise beschleunigt. Etwa der Touch-free Check-in, das Vermeiden von Schlangestehen im Atrium oder die hochwertigen Luftfilteranlagen.

Stehen Kreuzfahrten für Familien mit Kindern offen? Kinder werden ja bisher nicht geimpft.
Kevin Bubolz: Wichtig ist uns, dass Kinder an Bord willkommen sind. Aber bis 31. Oktober 2021 muss jeder geimpft sein, der an Bord geht. Das schließt eine bestimmte Altersgruppe aus. Sicherheit ist da das Allerwichtigste.

Welche Häfen können im Sommer angelaufen werden?
Kevin Bubolz: Da ist noch einiges in Bewegung. Wir führen derzeit gute Gespräche mit vielen Ländern. In Italien und Spanien sehen wir gute Fortschritte. Ab Juli, August werden die meisten Häfen im Mittelmeer aufgehen. Das wird laufend angepasst. Wir hoffen, dass es nur kleine Veränderungen bei unseren Routen geben wird.

Gibt es schon eine Entscheidung, wann die USA die „Conditional Sailing Order“ aufheben werden?
Kevin Bubolz: Das wäre schön (lacht). Das ist ein laufender Prozess. Angefangen hat es jetzt mit der Erlaubnis für Reisen außerhalb der USA. Wir hoffen auf den Herbst.

"Kreuzfahrten sind vielleicht die sicherste Reiseform"

 

Das geschlossene System an Bord ist gleichzeitig der größte Vorteil und auch die größte Schwachstelle einer Kreuzfahrt – wie sorgt NCL in aller Kürze für Sicherheit vor Infektionen?
Kevin Bubolz: Im Vergleich zum Anfang der Krise ist das geschlossene System jetzt ein großer Vorteil gegenüber anderen Reiseformen. Wir haben alle viel dazu gelernt. Luftzirkulation und Luftfilter wurden bei unseren Schiffen upgegradet auf Krankenhaus-Standard. Die Leute an Bord sind alle vollständig geimpft, mit einem Abstand von zwei Wochen zur letzten Impfung. Zudem wird ein Schnelltest durchgeführt, bevor man an Bord geht. 100% ausschließen kann man eine Infektion allerdings auch dann nicht. Im Buffet gibt es Bedienung. Es ist wirklich alles sehr sicher. Wir hatten unter 400.000 Kreuzfahrtgästen über alle Marken während der Pandemie 60 bis 70 Fälle von Covid-19. Einen richtigen Ausbruch gab es aber nie, das wurde alles rechtzeitig aufgefangen. Kreuzfahrten sind vielleicht die sicherste Reiseform.

Wie sind die Reaktionen auf das neue Flugbuchungstool NCL Air?
Kevin Bubolz: Sehr gut. Aber die volle Stärke haben wir noch nicht ausgeschöpft. Wir sehen schon jetzt viel mehr Flugbuchungen und das wird rasant weitergehen.

Hat das veränderte Reiseverhalten Einfluss auf die Häfen- bzw. Routenwahl bei NCL?
Kevin Bubolz: Nicht direkt. Unsere Planung ist wie vorher. Manche Sachen wurden durch die Krise beschleunigt, wie etwa La Romana in der Dominikanischen Republik und Montego Bay in Jamaika. Beides war schon vorher geplant. Das sind ja logische Häfen. Im Großen und Ganzen sind die Änderungen mehr Evolution als Revolution.

Bleibt es beim geplanten Auslieferungszeitpunkt der Leonardo-Klasse?
Kevin Bubolz: Ja. Der Sommer 2022 wurde mehrfach bestätigt. Dazu kommen demnächst mehr Neuigkeiten.

Und zum Schluss: Kannst du der Krise auch etwas Positives abgewinnen?
Kevin Bubolz: Ich bin Optimist und kann fast allem etwas Positives abgewinnen. Es gab aber auch sehr viel Schlimmes. Manche Dinge, die sich beschleunigt ergeben haben, werden bleiben. Die Krise hat uns einen technischen Sprung nach vorne gebracht. Die Rückbesinnung auf den Wert der Reisefreiheit und des Reisens ist extrem positiv. Das ist auch eine Chance. Wir gehen alle bewusster mit Reisen um. Bei der Nachhaltigkeit stehen wir noch am Anfang, aber das wird Geschwindigkeit aufnehmen. Das wird definitiv bleiben.

Die Fragen stellte Elo Resch-Pilcik


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Autor/in:

Herausgeberin / Chefredakteurin

Elo Resch-Pilcik, Mitgründerin des Profi Reisen Verlags im Jahr 1992, kann sich selbst nach 24 Jahren Touristik - noch? - nicht auf eine einzelne Lieblingsdestination festlegen.





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