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Reisephilosoph rät Touristikern zu Kurskorrektur


Philosoph Peter Vollbrecht
Damit Reisende auch künftig ihre Sehnsüchte ausleben können, müsse radikal umgedacht werden. "Ein 'Weiterso' wie bisher wäre ignorant, fatal und verantwortungslos", so der Spezialist für literarische und philosophische Reisen, Peter Vollbrecht.

Wie sieht die Zukunft des Reisens aus und wie das zukünftige Destinationsmarketing? Wie schafft man nachhaltig eine Marke, wie sehen Verbraucher die Funktion der Reisebüros oder auch wie sieht der Veranstalter der Zukunft aus: Diesen und weiteren nach der Hochzeit der Pandemie besonders bedeutenden und allgegenwärtigen Fragen widmete sich die aktuelle tip-Ausgabe die ganz im Zeichen der Zukunft steht.
Auch der Philosoph und Spezialist für literarische und philosophische Reisen, Peter Vollbrecht stellte sich bei den Europäischen Toleranzgesprächen im Kärntner Bergdorf Fresach der Frage: Wie sieht Reisen in Zukunft aus? Seiner Ansicht nach zwingen Klimawandel, Pandemie, hohe Inflation und der russische Angriffskrieg in der Ukraine dem weltweiten Reisegeschehen eine Kurskorrektur auf, damit Reisende auch künftig ihre Sehnsüchte ausleben können. Dafür müsse "radikal umgedacht" werden und ein "neues Design des Reisens" her, das sowohl entschleunigt als auch ressourcenschonend ist. "Ein 'Weiterso' wie bisher wäre ignorant, fatal und verantwortungslos", erklärte der Reisephilosoph in der Podiumsdiskussion und rät Touristikern zur Kurskorrektur. 

Die ganze Podiumsdiskussion ist HIER auf YouTube abrufbar. 

Eine Zeit vieler Krisen

"Es ist zu erwarten, dass uns das Reisen in Zukunft durch eine ganze Reihe von Krisen versalzen wird", stellte Vollbrecht gleich zu Beginn seines Impulsvortrags zum Thema "Sehnsuchtsland: Wie wir besser anders reisen" klar. Aktuell seien vier solcher konkreten Besorgnisse auszumachen. "Erstens leben wir in einem Klimawandel und einem Artensterben von unbekanntem und hochdramatischem Ausmaß", erläuterte der Philosoph. Selbst vorsichtige Schätzungen würden mit der Aussicht schockieren, dass größere Bereiche des Planeten unbewohnbar werden. "Die Verknappung von Lebensmitteln wird die sozialen Schieflagen deutlich verschärfen. Das wird vor allem Auswirkungen auf Fernreisen haben", gab sich Vollbrecht überzeugt.

Zweitens lebe die Menschheit in einem pandemischen Zeitalter. "Mit neuen Versicherungs- und Buchungskonditionen hat die touristische Infrastruktur zwar auf die Verunsicherung der Kunden reagiert. Dennoch scheinen mir die längerfristigen Auswirkungen der Pandemie auf den vulnerablen Tourismussektor derzeit noch gar nicht absehbar", meinte der Autor. Auch bei der Versorgungslage gibt es eine Zeitenwende. "Die Ressourcenknappheit ist nun auch schon in den reichen Industriestaaten zu spüren. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Weltwirtschaft eine längere Phase der Stagnation erlebt, durch die vor allem der Mittelstand und die unteren Schichten empfindliche Einbußen an Wohlstand hinnehmen müssen. Dem Tourismus gehen dabei wichtige Kerngruppen verloren", erläuterte Vollbrecht.

Als vierten Punkt verwies er auf den zunehmenden Militarismus in der Welt. "Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Wirtschaftsleistung wird im militärischen Sektor versenkt und steht als Wohlstand nicht mehr zur Verfügung. Ob die Lust am Reisen in einem Zustand eines permanenten Angstszenarios noch die Dynamik aufweisen kann wie zuvor, wird die Zukunft zeigen", führte der Literaturkenner aus. Es sei zwar möglich, dass die Menschen vermehrt ausschwärmen, um die dunklen Zukunftserwartungen "im All-Inclusive-Pool zu verscheuchen". "Denkbar ist aber auch, dass es genau umgekehrt kommt und sie sich in nahe Welten zurückziehen", meine Vollbrecht.

Pentagramm des guten Reisens

Eine umfassende Sicht auf die künftigen Reiseszenarien lässt sich laut Vollbrecht angesichts der vielen Variablen nicht geben. Fest stehe allerdings, dass es so etwas wie ein "Zukunfts-Design für besseres Reisen" braucht. "Ich möchte das bessere Reisen als sinnorientiertes Reisen verstehen", erklärte der Philosoph. Damit sei einerseits das Reisen als Erweiterung des eigenen Horizonts sowie der menschlichen Möglichkeiten generell gemeint, andererseits aber auch die interkulturelle Begegnung und das "Heimischwerden in der Welt". "Schon Goethe hat festgestellt, dass sich im Reisen das Individuum weitet, indem es sich die Welt aneignet, um dann gereift wieder bei sich selbst anzukommen."

Um zu verdeutlichen, was er sich unter besserem Reisen vorstellt, nannte Vollbrecht fünf Punkte, quasi ein "Pentagramm des guten Reisens". Der erste Aspekt bezieht sich dabei auf die Geschwindigkeit des Reisens selbst. "Seelische Prozesse sind viel langsamer als es uns die Technik erlaubt, einen geografischen Ort zu wechseln. Entschleunigt reisen heißt, langsame Verkehrsmittel zu bevorzugen. Es heißt aber auch, mehrere Tage am selben Ort zu verweilen und ihn im Rhythmus des dortigen Lebens zu erfahren. Erst wenn wir einen Ort wiederholt besuchen, sind wir wirklich dort gewesen", so Vollbrecht.
Punkt zwei betitelte er mit "weltliebend reisen", was er dadurch charakterisierte, dass beispielsweise die Schönheit der Natur auf Reisen nicht nur betrachtet, sondern gefeiert wird. "Für mich heißt das, dass man ein erotisches Verhältnis zur Welt entwickeln muss. Man muss an ihren Linien, Formen und Farben entlangstreifen, die mentalen Welten der Menschen lesen und in ihren Gesichtszügen und Körperhaltungen ihre Ängste und Hoffnungen entziffern", beschrieb Vollbrecht diese Art des Reisens. Die bereiste Welt sollte man eben nicht nur ästhetisch genießen, sondern weit tiefer auf seelische Weise erkunden.

Als nächstes verwies Vollbrecht auf die Aspekte des "selbsterfahrenden" und des "fremderfahrenden Reisens". "Selbsterfahrung ist ein Modewort des 20. Jahrhunderts. Gerade junge Menschen suchen Selbsterfahrung besonders intensiv auf Reisen", merkte der Autor an. Hierbei seien drei verschiedene Ebenen - die geistig-intellektuelle, die soziale und die körperlich-sinnliche - zu unterscheiden. "Die Welt auf sinnliche Weise zu erleben, geht am besten bei einer Rad- und Wanderreise", verdeutlichte Vollbrecht. "Fremderfahrend" heiße hingegen, seine Reise wie ein Experiment anzulegen, sich treiben zu lassen und ein großes exploratives Erlebnis zu wagen.

Den fünften und letzten Punkt seines Pentagramms sieht er im ressourcenschonenden Reisen. "Es gilt mit eigenem Beispiel voranzugehen und Reiseanbieter dahingehend auszuwählen, welchen ökologischen Standards sie sich verpflichtet fühlen", riet der Experte. Man müsse sich nur selbst fragen, ob etwa eine Antarktis-Kreuzfahrt wirklich im Interesse der Natur liegen kann. "Ich denke, man kommt dann schnell zu dem Schluss, dass sie zwar persönlich einzigartige Erlebnisse gewährt, dass ich aber kaum in der Lage sein werde, meine subjektive Bereicherung wieder produktiv zurück in die Welt zu tragen", resümierte Vollbrecht.

Das gesamte Statement von Peter Vollbrecht und die darauffolgende Diskussion HIER auf YouTube (red)


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Foto: privat

Autor/in:

Julia Trillsam hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien studiert. Jetzt ist sie bereit, die Welt zu bereisen. Je sonniger die Destination, desto schneller sind ihre Koffer gepackt.





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