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TRAVELKID: Offener Brief an die Regierung


Foto: gerasimov_foto_174 / shutterstock.com
Insolvenzabsicherung, Härtefallfonds und Reisewarnungen. Drei Themenfelder, die die österreichischen Veranstalter und Reisebüros derzeit ausnahmslos praktisch ständig beschäftigen. TRAVELKID-Chefin Patrice Kragten appelliert an die Bundesregierung in einem offenen Brief und dürfte dafür den ganze Branche aus dem Herzen sprechen. 

Als Spezialistin für Fernreisen für Familien mit Kindern kritisiert Patrice Kragten, Geschäftsführerin und Gründerin von TRAVELKID, besonders die ungleichen Vorgangsweisen bei den Reisewarnungen, die letztlich auch zu deren Unglaubwürdigkeit führen würden. Groß ist auch die Sorge wegen der auslaufenden Insolvenzabsicherung, nachdem HDI sich aus diesem Segment zurückgezogen hat. Gespräche für eine Lösung sind zwar am Laufen, doch dränge die Zeit.

Da Bankgarantien keine realistische Alternative seien, schlägt Kragten vor, dass der Staat vorübergehend einen Teil der Haftung übernehmen solle, bis die Reisebranche wieder auf einer soliden Basis steht. Weiters bitte Kragten die Regierungsverantwortlichen, sich dafür einzusetzen, dass Fixkostenzuschüsse nicht zu einer vorzeitigen Rückführung von Finanzierungskrediten führen. Ein Passus, den einige Hausbanken eingeführt haben.

Der Brief im Wortlaut

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Kurz!
Sehr geehrter Herr Vizekanzler Kogler!
Sehr geehrte Frau Bundesministerin Köstinger!
Sehr geehrter Herr Bundesminister Blümel!
Sehr geehrte Regierungsmitglieder und Klubobleute!

Als Reiseveranstalter, spezialisiert auf Fernreisen für Familien mit Kindern, liegt unser Büro nicht seit 15. März still. Viele Familien haben ihre stornierte Fernreise vom April 2020 bereits im Mai 2019 gebucht, die Juli- und August-Gäste im September 2019. Die Perspektive für den Sommer 2021 ist Null!

Wegen den Rückzahlungen leben wir inzwischen bereits 1,5 Jahre auf Sparflamme. Sind sie sich dessen bewusst?

Sehr scharf kritisieren wir die unnötigen Reisewarnungen. Wir fragen uns, mit dem derzeitigen Umgang der Warnungen, was sie in Zukunft noch wert sind. Warum dürfen wir, wenn Deutschland Österreich auf die rote Liste stellt, noch frei herum laufen? Warum werden die deutschen Gäste geschützt und wir nicht? Wo ist die akute Gefahr für Leib und Leben? Sogar die WHO stellt das Virus heute in einer anderen Perzeption als März 2020 dar: https://bit.ly/31NqlZ5.

Mein Unternehmen zählt zu den 2.600 österreichischen Reisebüros und Veranstaltern mit rund 10.000 Mitarbeitern, die besonders hart von der Corona-Krise getroffen wurden. Nach 7 Monaten nach Ausbruch der Pandemie sind wir mittlerweile in großer Sorge, diese Krise wirtschaftlich nicht zu überstehen. Kurzarbeit, Überbrückungskredit und Härtefallfonds haben dazu beigetragen, dass wir Unternehmer mit einem Anflug von Hoffnung bislang weiter um unsere Existenz, aber auch um die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter gekämpft haben.

Der Hut brennt

Doch heute sind wir neben dem immer noch ausständigen Hilfspaket für unsere Branche zusätzlich noch mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Während unsere deutschen und europäischen Kollegen schon hörbar aufatmen können, schwebt nun ein weiteres Damokles-Schwert über unseren Betrieben. Wie Ihnen wahrscheinlich bekannt ist, hat sich die HDI Global SE als einziger Anbieter für die verpflichtende Insolvenzabsicherung für Reiseveranstalter vom österreichischen Markt zurückgezogen, Alternativen gibt es bislang keine. Unsere (verpflichtende) Insolvenzabsicherung läuft somit Ende des Jahres aus.

Laut Frau Ulrike Pewal von der Tourismus-Versicherungsagentur GmbH in Wien wird von den zuständigen Gewerbebehörden und dem Ministerium fieberhaft an einer Lösung gearbeitet. Da es nur mehr wenige Monate bis Jahreswechsel sind und hier ein Großteil der österreichischen Reiseveranstalter dann ohne Insolvenzversicherung dasteht, brennt sprichwörtlich der Hut in der gesamten österreichischen Reisebranche. Ohne Reiseveranstalter können nämlich auch die Reisebüros keine Reisen verkaufen!

Bankgarantie ist keine Alternative

Die Möglichkeit einer Bankgarantie zur Besicherung der Insolvenz ist aufgrund unserer wirtschaftlichen Situation, verursacht durch die COVID-19 Krise, keine Alternative. Eine Bankgarantie in ausreichender Höhe zu erlangen, ist ohne persönliche Haftung momentan wohl nicht realistisch. Darüber hinaus hatte die Versicherungslösung den Vorteil, dass eine unbeschränkte und unbefristete Haftung abgeschlossen werden kann – eine gute Lösung für den Reiseveranstalter und ein Mehr an Sicherheit für die Reisbüros und vor allem auch für den Endkunden!

Es ist existentiell notwendig und daher bitte ich Sie inständig, sich mit HDI bzw. der Tourismus-Versicherungsagentur in Verbindung zu setzen, um eine Verlängerung der Versicherungslösung zu bewirken. In einer Ausnahmesituation wie dieser, müsste der Staat einen Teil der Haftung übernehmen und zwar solange, bis die Reisebranche in Österreich wieder auf einer soliden Basis steht.

Fixkosten-Passus

Darüber hinaus möchte ich einen weiteren Punkt ansprechen, der uns das wirtschaftliche Überleben erschwert. Manche Banken, so auch meine Hausbank, hat in den Kreditbedingungen der Überbrückungsfinanzierung einen Passus angeführt, der darauf hinweist, dass allfällig gewährte Fixkostenzuschüsse zur vorzeitigen Rückführung dieser Finanzierung zu verwenden sind. Zum einen sehe ich eine schwerwiegende Benachteiligung der Unternehmen die einen Kreditvertag mit solch einem Passus haben und zum anderen verringert die Gegenrechnung der Zuschüsse mit der Kreditsumme meine Liquidität, die wir aufgrund der aktuellen Entwicklungen rund um COVID-19 noch dringend brauchen werden.

Auch in diesem Punkt ersuche ich Sie eindringlich um Unterstützung und Intervention bei der ÖHT, um diese Hürde die Krise zu überstehen aus der Welt zu schaffen.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung! Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen!

Abenteuerliche Grüße,
Patrice Kragten, Geschäftsführerin TRAVELKID Fernreisen GmbH & Co KG

Weiterführende Links:

https://www.newsguardtech.com/wp-content/uploads/2020/08/Off-Guardian.pdf

https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/situation-reports


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Autor/in:

Herausgeberin / Chefredakteurin

Elo Resch-Pilcik, Mitgründerin des Profi Reisen Verlags im Jahr 1992, kann sich selbst nach 24 Jahren Touristik - noch? - nicht auf eine einzelne Lieblingsdestination festlegen.





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