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Jan Gruber: Airlines müssen Produkte auflegen, die der Kunde will


Jan Gruber, Leitender Redakteur AviationNetOnline
Als Redakteur von AviationNetOnline beobachtet Jan Gruber die nationale und internationale Luftfahrt fast rund um die Uhr. 

Als eine der Auswirkungen der Pandemie rechnet Jan Gruber, Leitender Redakteur der Airline-Plattform AviationNetOnline, damit, dass es ein Comeback der flexiblen Tarife geben wird, die Umbuchungen erlauben. Das Herumlavieren der Airlines bei der Rückerstattung stornierter Flüge habe das Vertrauen der Kunden zerstört. Besonders kritisch sieht Gruber dabei das Vorgehen der AUA. Der von Umweltministerin Gewessler geforderte Mindestpreis für Flugtickets würde nur die AUA und Peoples Vienna Line treffen, da es ein österreichischer Alleingang – und nicht EU-rechtskonform – wäre. Wie der Luftfahrt-Experte die Rettung der AUA und die Insolvenz der Level beurteilt, lesen Sie im folgenden Interview.

Fragen & Antworten

tip-online: Du kommst gerade von einem Flug aus Stuttgart – wie läuft das Fliegen in Zeiten der Pandemie ab?
Jan Gruber: Anstrengend. Die Lufthansa hält sich für das Maß aller Dinge. Ich bin mit Eurowings geflogen, wo es heißt, man solle online einchecken, um möglichst wenig Kontakt zu haben. Dennoch muss man sich am Flughafen am Schalter anmelden – aber nur einer hat geöffnet. Die Maschine nach Wien war fast leer, aber die Passagiere hat man trotzdem in Dreierreihen gepfercht. Hinzu kommt, dass sich die Leute nicht an die Vorgaben halten. Auf die Ansagen der Crew wird nicht reagiert. Beim Aussteigen drängen alle wie immer, von Abstandhalten kann nicht die Rede sein. Ich muss aber klar und deutlich dazu sagen, dass die Crew ihr Möglichstes getan hat und die Passagiere immer wieder und wieder um Abstandhalten gebeten hat.

tip-online: Airlines sind seit der Pandemie abgesehen von der wirtschaftlichen Schieflage vor allem mit Negativschlagzeilen wegen nicht rückerstatteter Tickets in die Schlagzeilen gerückt. Wie hast du das wahrgenommen?
Jan Gruber: Das ist jedenfalls das größte Ärgernis der Kunden. Anfangs waren Ryanair mit Lauda sowie Easy Jet die Musterknaben, die automatisch nicht durchgeführte Flüge rückerstattet haben. Dann wurde diese Funktion einfach abgeschaltet. Absolutes Negativbeispiel ist da die AUA. Ich denke, das hatte Kalkül. Die Airlines haben spekuliert, dass die EU die Gutscheinlösung akzeptieren würde, so wie die deutsche Regierung sie stillschweigend akzeptiert hätte. Ich warte immer noch auf die Rückerstattung eines Flugs mit Eurowings, der im März hätte stattfinden sollen. Bisher hat es keine Reaktion gegeben. Laut Gesetz muss die Rückerstattung innerhalb von sieben Tagen erfolgen. Bei einer Insolvenz wird das Risiko voll auf den Kunden abgewälzt.

Viel Vertrauen zerstört

 tip-online: Wir beurteilst du die wirtschaftliche Lage der Luftfahrt?

Jan Gruber: Aktuell sind alle Airlines akut insolvenzgefährdet. Das betrifft weltweit jede Fluggesellschaft. Einzige Ausnahmen sind Unternehmen, die nur nationale Verbindungen anbieten. In Asien hat man bereits gesehen, dass der Wiederanlauf nicht so läuft wie erhofft. Die asiatischen Airlines streichen weiterhin fast alle Flüge nach China. Die indonesische Lion Air etwa hat ihre Flüge nach nur vier Tagen wieder eingestellt, weil die Auflagen so streng sind.

tip-online: Glaubst du, dass sich mit Wiederaufnahme der Flüge auch die Nachfrage rasch wieder erholt?
Jan Gruber: Die Nichterstattung für stornierte Flüge hat sehr viel Vertrauen verbaut. Das Verhalten in den europäischen Ländern ist da ganz unterschiedlich. Die Nachfrage nach Tickets in Österreich ist deutlich größer als in Deutschland. Die Preise für Urlaub an österreichischen Seen wurden drastisch angehoben, was Ferien im eigenen Land teuer macht. Viele Österreicher hegen großes Misstrauen gegenüber den Maßnahmen der Regierung und reagieren mit einer „mir ist alles wurscht-Haltung“. Viele wollen einfach nicht auf Urlaub verzichten, davon können die Airlines profitieren. Allerdings entscheiden momentan nur sehr wenige sechs Monate im Vorhinein über ihren Urlaub. Die meisten planen zwei Monate bis sechs Wochen vor Abreise. Alles unter zwei Wochen sind eher Geschäftsreisen.

tip-online: Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Ticket-Preise?
Jan Gruber: Letztes Jahr galt die Grundregel, je früher, desto billiger. Das gilt jetzt nicht mehr. Ryanair oder Wizz Air haben vier Wochen vor Abflug Tickets um 9,90 EUR verkauft, Resttickets wurden einfach verscherbelt. Das hat AUA bzw. Eurowings geschadet. Wo es Mitbewerb gibt, ist die Chance auf einstellige Ticketpreise hoch. Da ändert sich jetzt durch Corona gerade viel. Es wird ein Comeback der flexiblen Tarife geben. Da müssen die Airlines jetzt handeln, denn der Kunde verlässt sich drauf, dass er umbuchen kann. Die Airlines müssen in den sauren Apfel beißen und Produkte auflegen, die der Kunde will. Die Sommermonate werden zeigen, ob die Airlines das Vertrauen wiedergewinnen können. Ich erwarte, dass es in den nächsten Tagen einige Preis-Aktionen geben wird.

Rekordwerte ohne nachhaltiges Wachstum

 tip-online: Die Low Cost Carrier haben in den vergangenen Jahren dem Flughafen Wien Rekordzahlen beschert. Setzt Corona diesem Trend jetzt ein Ende?

Jan Gruber: Der Kampf um Marktanteile der Low Cost Carrier in Wien letztes Jahr war teuerst erkauft. Auch die AUA war davon betroffen, angefeuert durch das Duell von Ryanair / Lauda und Wizz Air. Die Tickets wurden einfach verscherbelt, nur um der Konkurrenz weh zu tun. Profitiert davon hat nur der Flughafen Wien. Bei Passagieren und Ergebnis wurden Rekordwerte erzielt. Das ist aber kein nachhaltiges Wachstum. Ohne Corona wären heuer die Passagierzahlen noch weiter gestiegen. Jetzt fehlen die Passagiere, auch wenn es in den nächsten Monaten einen Preiskampf geben wird. Ich glaube aber nicht, dass künftig 1 Euro-Tickets im großen Stil auf den Markt gebracht werden.

tip-online: Umweltministerin Gewessler fordert einen Mindestpreis für Tickets in Höhe von 40 EUR. Ist das realistisch?
Jan Gruber: Die Branche wird sich ändern müssen. Billigtickets wird es weiter geben. Die 40 EUR-Tickets von Frau Gewessler werden nicht im Sommer kommen. Da hat sie einfach irgendeine Zahl genannt. Wenn Österreich einen Mindestpreis im Alleingang einführt, dann verstößt das gegen EU-Recht. Lauda fliegt mit einer Ryan-Flugnummer (FR). Ryanair und Wizz Air würden sich nicht an einen Mindestpreis gebunden fühlen, da das österreichisches Recht ist. Treffen würde das nur die AUA und Peoples Vienna Line. Die Idee ist ja grundsätzlich gut, sie müsste aber auf EU-Ebene stattfinden. Gewessler ist damit zu früh hinausgegangen, das ist noch im Ideen-Stadium. Auch Italien und die Niederlande denken sichtlich über so einen Schritt nach.

tip-online: Mit der Insolvenz der Level ist ein Player ja bereits ausgeschieden...
Jan Gruber: Schwer zu sagen, ob es da noch Bewegung geben wird. Level könnte bei Kunden beliebt sein. In Wien wurde sie rasch verkleinert, weil die Auslastung von Tag 1 an katastrophal war. Es wurden Fehler im Vertrieb gemacht. Zum Beispiel gab es keine in Österreich üblichen Zahlungsmöglichkeiten wie Bankeinzug. Nur Kreditkarten waren erlaubt. Das hat potenzielle Kunden abgeschreckt. IAG (Anmerkung: Mutter der Level) hat in Österreich versagt und Inkompetenz gezeigt. Das ist aber kein Vorwurf an das Wiener Team der Level. Die Entscheidungen wurden in Spanien getroffen, etwa für die Werbeplakate ohne Aussage. Level wurde vom Markt nicht so angenommen wie erhofft. Heuer hätte es für Level in Österreich gut laufen können, da sie sich auf Charter konzentriert hatten. Dann mussten die Veranstalter aber alle Flüge stornieren. Jetzt stellt sich für die Veranstalter die Frage, woher sie Flugzeuge bekommen. Level hat ja keine Zuschüsse oder Kredite erhalten, obwohl sie eine österreichische GmbH ist. Laut KSV habe Level die Voraussetzungen der Banken in Bezug auf Basel II nicht erfüllt.

tip-online: Wie siehst du die Rettung der AUA bzw. der Lufthansa?
Jan Gruber: Es wäre nicht das Schlimmste, wenn die AUA Insolvenz anmelden müsste. Mit einem Sanierungsverfahren mit Eigenverantwortung könnte sie sich von horrenden Altlasten befreien. Es ist schwer verständlich, dass das Personal auf einen Teil des Gehalts verzichtet, die Altvorstände aber zu keinen Zugeständnissen bereit sind. Das einzige Risiko sehe ich in Deutschland, wenn die Lufthansa ein Insolvenzverfahren anstreben würde, würden die Aktionäre nein sagen. Aber wahrscheinlich hätte der Staat da einen Plan B. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der deutsche Staat die Lufthansa fallen lässt. Noch ist allerdings bei der AUA kein Geld geflossen. Ich glaube aber an ein Happy End.

Kleinstairlines verschwinden vom Markt

 tip-online: Wird es weltweit zu noch mehr Konsolidierung am Airline-Markt kommen?

Jan Gruber: In Europa gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten zur Konsolidierung, denn wir haben bereits heute mehrere „große Blöcke“. Das sind Air France-KLM inklusive ihrer Billigtochter-Transavia, die IAG mit British Airways, Iberia, Vueling und so weiter, die Lufthansa Group mit AUA, Eurowings, Swiss und Brussels Airlines sowie die großen Billigfluggesellschaften Ryanair inklusive Töchtern, Easyjet inklusive Töchtern und Wizzair. Die IAG will Air Europa aufkaufen und in Italien ist Alitalia erhältlich, die außer dem Staat niemand haben will. In Skandinavien strauchelt Norwegian schon länger erheblich. Es könnte theoretisch noch zu vereinzelten Übernahmen oder Fusionen kommen, aber das wird bei Inanspruchnahme von Staatshilfe durchaus schwierig. Die großen Blöcke teilen sich schon jetzt mehr oder weniger den Markt auf. Es werden mit Sicherheit die letzten verblieben Kleinstairlines, insbesondere im ACMI-Bereich (Anmerkung: Aircraft, Crew, Maintenance and Insurance. Eine Art von Wet-Lease) vom Markt verschwinden. Raum für Wachstum sehe ich am ehesten im Verkehr zwischen West-Europa und den Ex-Sowjetstaaten, wobei dies durch die Corona-Pandemie einen erheblichen Dämpfer bekommen hat.

In den Vereinigten Staaten gibt es nicht mehr viel zu konsolidieren. Was in Europa gerade im finalen Abschluss ist, haben die Amerikaner schon hinter sich. Entstanden sind – durchaus auch mit der Hilfe von Chapter 11 – riesige Airline-Konzerne wie American Airlines, Alaska Airlines und United Airlines. Daneben gibt es große Billigfluggesellschaften. Es existieren nur noch wenige unabhängige Regionalfluggesellschaften, jedoch viele, die im Auftrag der großen Player fliegen. In den USA ist der Raum für Konsolidierungen ausgeschöpft, denn wenn American Airlines und United Airlines eine Fusion anstreben würden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese von den Kartellbehörden bewilligt wird, sehr gering.

In Südamerika ist die Konsolidierung gerade so richtig in Gang. Einige Anbieter mussten Insolvenz anmelden oder halten sich mit neuen Kooperationen in der Luft. Ein ähnliches Bild, wenn auch in wesentlich kleinerem Ausmaß, kann man in Afrika antreffen.

Besonders kompliziert ist es auf dem Markt in Australien. Mit Qantas gibt es dort einen sehr dominanten internationalen Anbieter, der jedoch im Inlandsverkehr nicht so stark ist. Obwohl es wenige Anbieter gibt, bahnt sich dort eine Konsolidierung an, denn Virgin hat massive Finanzprobleme. Die werden weder bei Virgin, noch bei Qantas durch die knallharten Einreisebestimmungen gebessert. Domestic hingegen scheint es kleineren Anbietern wie Alliance durchaus zu gelingen ein wenig zu wachsen, denn der Kontinent ist riesig und der Bedarf ist vorhanden.

Die Asien-Pazifik-Region und Asien wurden sehr früh von der Pandemie getroffen und dort ist eine Konsolidierung voll im Laufen. Es wird einige Carrier geben, die die Krise nicht überleben und von ihren Heimatstaaten auch nicht aufgefangen werden. Besonders hart ist die Situation in Hong Kong, denn dort sind alle Homebase-Carrier aufgrund der langwierigen Demonstrationen und der damit verbunden Einschränkungen schon vor Corona angeschlagen gewesen. Es bahnt sich an, dass die Administration der Sonderverwaltungszone Prioritäten setzt und sich auf die in ihren Augen wichtigsten Carrier konzentriert. Das kann sowohl politische als auch finanzielle Gründe haben.

"Es hat sich ausgesammelt"

tip-online: Wir wird sich der Geschäftsreiseverkehr entwickeln im Vergleich zu Leisure-Reisen?
Jan Gruber: Den Leisure-Verkehr wieder ins Laufen zu bringen, ist ein wenig einfacher, denn wenn jemand in den Urlaub fliegen will, dann wird er es schon tun. Bei den Geschäftsreisenden ist die Situation ein wenig anders, denn in vielen Firmen hat man nun die Erleuchtung erlangt, dass das mittlere Management nicht für jeden Termin „Meilensammeln“ muss, sondern sich viel auch über Videokonferenzen erledigen lässt und das sogar kostenlos. Die Corona-Krise hat dazu gezwungen und nun sehen die Finanzchefs der Firmen, dass es viel billiger ist. Es gibt viele Meilensammler in diesem Segment, die dann mit den dienstlich erworbenen Bonusmeilen in der Business- oder gar First-Class in den Urlaub fliegen wollen. Damit hat es sich jetzt ausgesammelt. Das Top-Management wird zu wichtigen Terminen weiterhin persönlich anreisen, allerdings höre ich von Business-Jet-Betreibern, dass diese eine verstärkte Nachfrage von Spitzenmanagern, die vormals auf der Linie geflogen sind, verzeichnen. Das hat etwas mit Sicherheit zu tun, denn in einer schweren Wirtschaftslage kann sich kaum eine Firma den Ausfall ihres CEOs, der die Verantwortung für alle trägt, leisten.

Übrigens: Im hochpreisigen Europa-Urlaubssegment reisen zahlungskräftige Kunden, die vormals so ziemlich die letzten Point-to-Point-Passagiere in der Euro-Business-Class waren, dieses Jahr eher mit Business-Jets. Alternativ wurde auch ein neuer Swimmingpool in den Garten gebaut und der Urlaub 2020 findet am eigenen Pool statt. Der ganz klassische Leisure-Verkehr, insbesondere im Lowcost-Segment, wird stattfinden. An überfüllte Strände in klassischen Urlaubsregionen ist dieses Jahr allerdings nicht zu denken. Wenn sonst sehr überlaufene Ziele heuer genießen möchte, ist der richtige Zeitpunkt dafür. Es wird nicht viel los sein. Mit einem richtigen Anziehen der Nachfrage ist erst im kommenden Jahr zu rechnen, denn heuer gibt es eher nur spontane Reisen.

Wenn Corona aber einen richtigen Strich durch die Rechnung macht und wir im Sommer 2021 noch immer keinen Impfstoff mehr haben, dann brauchen wir im Airline- und Tourismusbereich nicht mehr über Staatshilfen reden. Das überlebt die Branche nicht und mir ist es schon jetzt ein Rätsel, wie manche Staaten die milliardenschweren Ausgaben stemmen wollen.

tip-online: Wann wird sich die Luftfahrt wieder weitgehend normalisiert haben?
Jan Gruber: Ich glaube nicht daran, dass es bis Jahresende eine Normalisierung geben wird. Rückschläge sind aber weltweit möglich. Es fehlen Vorerfahrungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch einmal einen kompletten Lock-down oder totale Grenzschließungen geben wird. Vorstellbar ist, dass einzelne Regionen, Bezirke oder Bundesländer unter Quarantäne gestellt werden. Das Langstreckengeschäft wird 2020/21 sehr schwierig werden. (red.)


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Autor/in:

Herausgeberin / Chefredakteurin

Elo Resch-Pilcik, Mitgründerin des Profi Reisen Verlags im Jahr 1992, kann sich selbst nach 24 Jahren Touristik - noch? - nicht auf eine einzelne Lieblingsdestination festlegen.





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