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Berlin ohne ITB: 9 Gründe, warum sich die Dienstreise dennoch gelohnt hat


Claudius Rajchl vor der U-Bahn-Station Gesundbrunnen
Nicht alle sind vorige Woche nach der Virusangst bedingten Absage der ITB daheim geblieben: Reise- und Videojournalist Claudius Rajchl hat seinen „Plan B“ umgesetzt und Touristiker in Berliner Hotels, Cafés, Büros oder spontan organisierten Alternativveranstaltungen getroffen. Hier sein Resümee.

Nichts war in diesen Tagen so wie all die Jahre zuvor: Mein Austrian-Flug nach Berlin, der sonst immer einer voll ausgebuchten Klassenfahrt des heimischen Tourismus glich, war erstens nur halb gebucht, und zweitens kannte ich keine Menschenseele. In meinem kleinen Hotel, ein paar hundert Meter von der Messe Berlin entfernt, war ich der einzige (!), der trotz ITB-Absage nicht storniert hatte. Was um Himmels willen macht ein Reisejournalist und Marketingspezialist allein in Berlin?

Tatsache: Ich war nicht allein. Es sind mehr Touristiker nach Berlin gekommen als man hätte glauben können. Aus den 40 halbstündigen Terminen, drei Abendveranstaltungen und zig Zufallsgesprächen sind zwar nur etwa ein Dutzend geworden, aber meine Dienstreise nach Berlin hat sich dennoch gelohnt – neue unverhoffte Kooperationen inklusive. Hier neun Gründe, warum:

1. Improvisierte Alternativen: Gespräche in Hotels, Cafés und Büros

Schon als die ITB-Absage im Raum stand, habe ich die Sinnhaftigkeit meines Plans B überprüft – und Ersatztermine mit Tourismusamt-Vertretern und Agenturen angefragt – und es sind einige Termine spontan zustande gekommen. Und bald habe ich auch Einladungen zu Alternativ-Events erhalten.

„Berlin ist immer eine Reise wert“, pflichtete mir etwa Georg Overs, Geschäftsführer der Region Villach Tourismus, bei, mit dem ich mich statt auf der Messe in seinem Hotel verabredet habe. „Auch wenn die Absage in Ordnung war, habe ich einige Treffen gehabt – mit offenen Ohren und mehr Zeit als sonst immer. Trotzdem würde ich die klassische ITB vermissen und warne jetzt vor Schnellschüssen jeder Art.“

David Heidler, Geschäftsführer des in Leipzig ansässigen Afrika-Spezialisten Akwaba Travel, hat spontan und auf eigenes Risiko Räume in einem Berliner Campus angemietet und dort 34 Aussteller aus 12 Ländern versammelt, die rund 60 Firmen repräsentierten. Sein Resümee: „Wir hatten an den beiden Tagen insgesamt 150 Fachbesucher. Ich bin froh, dass wir die Veranstaltung so kurzfristig organisieren konnten, da so ein alternatives Forum zur abgesagten ITB geschaffen werden konnte. Für die Aussteller als auch für uns haben sich die zwei Tage auf jeden Fall gelohnt. Die Stimmung vor Ort war super, viele Aussteller kamen mit Agents in Kontakt, die vielleicht auf der großen Messe untergegangen wären.“ Rufe nach einem „Africa Meeting 2021“ wurden aufgrund des Erfolgs laut – eine Initiative, die ohne ITB-Absage vermutlich nicht gestartet worden wäre.

Ich habe auch Termine wahrnehmen können, die in meinen ITB-Kalender nicht mehr gepasst hätten – zum Beispiel den „Plan B“, einen improvisierten Kongress für nachhaltig Reisen, den die Berliner Initiative Import Promotion Desk in einem Berliner Hotel veranstaltet hat. Hier bekam ich spannende Einblicke in effektive Entwicklungsarbeit für nachhaltige Tourismusunternehmen in Ecuador, Nepal und Tunesien.

2. Weniger Gespräche, aber mit mehr Zeit und Inhalt

Für die meisten Fachbesucher gleicht die ITB einer einzigen Speed-Dating-Veranstaltung, ich hatte sogar tatsächliche Speed-Dating-Vereinbarungen mit auf acht Minuten beschränkter Gesprächszeit. Diese Mini-Dates wurden zwar gestrichen. Im Gegenzug verliefen die Gespräche, die stattfanden, ohne Zeitdruck und daher mit mehr Tiefgang. Die Folge: ein intensiverer Gedankenaustausch und neue Projekt-Ideen, für die im Halb-Stunden-Takt keine Zeit gewesen wäre.

Das bestätigt etwa auch Martin Fennemann, Leiter des Auslandsmarketings der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH: „Gespräche mit potentiellen Kooperationspartnern waren intensiver und inspirierender als in der zeitlich sehr engen ITB-Termin-Taktung. Der ITB-Absage und den zahllosen weggefallenen Meetings auf der einen Seite steht ein mit dem Coronavirus noch ganz deutlich gewachsenes Bedürfnis zum Austausch auf der anderen Seite gegenüber. Und zwar in zwei Richtungen: Einschätzung der aktuellen Lage und aktuelle Handlungsbedarfe genauso wie der Blick nach vorne und Ideenentwicklung wo die Potenziale liegen, wenn die Krise abebbt. Vor diesem Hintergrund waren die Termine, die ich dennoch wahrgenommen habe, sehr gewinnbringend.“ Und über die Folgen der ITB-Absage: „Der WTM in London gewinnt als zweitgrößte internationale Tourismusmesse dieses Jahr an Bedeutung.

3. Neue Projekt-Ideen für die Zeit mit und nach dem Virus

Durch die längeren und ausführlicheren Gespräche habe ich gemeinsam mit Partnern neue Projektideen entwickelt, die ohne ITB vielleicht nicht entstanden wären. Das bestätigt auch Walter Tretenhahn, Geschäftsführer des Russland- und Asien-Spezialisten Eastlink Travel: „Statt eines zehnminütigen Erstgesprächs auf der ITB konnte ich ein neu entwickeltes Reiseprodukt einem Vertriebspartner ausführlicher präsentieren. Dadurch wird das Projekt nun rascher realisiert als das vermutlich mit ITB möglich gewesen wäre.“

4. Langsamere Berlin-Tage mit weniger Stress

Freilich kann das Ergebnis meiner Berlin-Reise ohne ITB nicht mit den Dienstreisen des Vorjahres mithalten, viele zusätzliche Gespräche und Termine sind notwendig, auch sind die Folgen von Corona und Panik längst noch nicht abschätzbar. Aber zumindest haben die Tage in Berlin Entschleunigung und weniger Termin-Stress gebracht und waren somit auch fürs Kräfte sammeln geeignet, die man in diesen herausfordernden Zeiten durchaus brauchen kann.

5. Ich habe mehr von Berlin gesehen als je zuvor

Als Reise-Besessener war ich freilich auch schon oft privat in Berlin. Aber meine durch die ganze Stadt verstreuten Plan B-Termine haben mich zu Orten gebracht, wo ich zuvor noch nie gewesen bin – zum Beispiel den Bezirksteil „Gesundbrunnen“, wo ich den wohl bestsortierten Obst- und Gemüsemarkt Berlins entdeckt habe. Vitamine können gerade jetzt nicht schaden. Auch ein Stück Schweiz mitten in Berlin habe ich gefunden – ein gemütliches Lokal mit Schweizer Küche und Garten im Volkspark am Weinberg in Berlin-Mitte.

6. „Ich reise trotzdem“ – Ein Zeichen gegen die Panik gesetzt

Nebenaspekt meiner „Jetzt erst recht“-Reise nach Berlin: Ich habe ein Zeichen gegen die Corona-Panik und für das Reisen gesetzt. Entsprechend dem „Ich reise trotzdem“-Sticker in den Social Media Kanälen. Weil ich der Meinung bin, dass gerade Touristiker mit gutem Beispiel vorangehen sollten. Und weil Telefonkonferenzen und virtuelle Meetings kein vollständiger Ersatz für echte Begegnungen sein können. So wie das Surfen im Web auch keine echte Urlaubsreise ersetzen kann.

7. Die Zeit optimal genützt

Die Tage in Berlin waren zwar nicht mit Terminen prall gefüllt wie sonst, aber dennoch konnte ich die Zeit optimal nutzen: indem ich die Zeit zwischen Terminen mit Arbeiten am Laptop in Cafés verbracht habe.

8. Abend-Events fanden trotzdem statt

Auch an den Abenden wurde mir nicht langweilig, denn es wurden im Gegensatz zur ITB nicht alle Abendveranstaltungen abgesagt. So lud etwa Agenturchefin Carmen Stromberger unbeirrt zu „Fine Drinks & PR Things“ in die gediegene Bar am Steinplatz, wo sich nette Hintergrundgespräche mit Kollegen ergaben. Carmen Stromberger: „Wir haben 2020 zum ersten Mal zu einem Umtrunk außerhalb der Messe eingeladen, es war alles gebucht und bezahlt. Und es waren dann doch mehr Journalisten in Berlin unterwegs als gedacht. Das Feedback war durchwegs sehr positiv, dass wir eben nicht abgesagt haben. Location und Rahmen kamen hervorragend an - zentral, schick und ungezwungen. Unser Event wird in guter Erinnerung bleiben und das hat sich für uns schon gelohnt.“

9. Ich bin gesünder heimgekommen als von der ITB

Noch ein ungeahnter Neben-Effekt hat mein Plan B gebracht: Ich bin gesünder heimgefahren als sonst zu ITB-Zeiten. Ausgerechnet. Denn die stickige Luft in den Messehallen, das viele Reden, der Stress, die (ganz normalen) Bakterien und Viren haben mir meistens einen grippalen Infekt oder zumindest Heiserkeit eingebracht. Diesmal bin ich ganz entspannt aus Berlin zurück gekommen. Beinahe erholt, möchte ich sagen. (red) 


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Foto: Traveltv.at

Autor/in:

Jahrgang 1966, ist Reise- und Videojournalist sowie Geschäftsführer seines Unternehmens traveltv.at. Ursprünglich im klassischen Print-Journalismus daheim, ist er ausgezogen, um die vier Seiten einer Zeitungsseite zu sprengen und gemeinsam mit Medienhäusern und Touristikern in die Weiten des world wide Webs und des Bewegtbilds vorzudringen. Sein Traum von gelebter Cross-Medialität ist die Harry-Potter-Zeitung: Wo sich in der gedruckten Ausgabe die Bilder bewegen. Er realisiert neben Stories, Videos und Insider-Tipps etwa mit den Salzburger Nachrichten auch kreative Content- und Kampagnen-Ideen mit kongenialen Partnern wie dem Profi Reisen Verlag, oruvision und anderen Medienpartnern. Motto seines Unternehmens: „Wir bewegen Reiseträume. Im Mittelpunkt steht der Mensch und seine Kunst, seine Träume zu leben.“





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