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Direktinkasso: Nahezu alles spricht dagegen


Das Angebot stößt auf Ablehnung
Das sich anbahnende Szenario, dass die großen Reiseveranstalter in Zukunft auf Direktinkasso umstellen, sorgt für großen Unmut unter den Reisebüros. Veranstalter, die sich über den Willen des Vertriebes hinwegsetzen, droht ein Boykott. Doch was ist so schlecht am Direktinkasso? tip-online hat einige gewichtige Argumente gesammelt.

Die österreichischen Reisebüros argumentieren, dass das Geschäftsmodell der meisten Büros anders als in Deutschland aufgebaut ist: Hierzulande sind verbundene Reiseleistungen häufiger und die Reisebüros haben einen deutlich höheren Anteil an Bausteinleistungen. In unserem Nachbarland ist der Anteil an fertig verpackten Pauschalreisen viel größer, daher funktioniert das Direktinkasso auch besser.

Darüber hinaus ist in Deutschland für das Betreiben eines Reisebüros keinerlei fachliche Qualifikation notwendig – was auch ein Grund für das Direktinkasso ist. In Österreich hingegen ist das Gewerbe stark reglementiert.

Die Frage der Solvenz

Das Argument der Veranstalter, mit Direktinkasso Verluste durch Reisebüro-Pleiten zu minimieren, dürfe in Österreich nicht allzu große Bedeutung zuteilwerden, da, wie eingangs erwähnt, die Reisebüros hier mehr veranstalten und dadurch über eine Insolvenzversicherung verfügen. Der Frage der Solvenz könne man mit dem Austausch von Unternehmensdaten oder einer Bankgarantie auch ohne Umstellung auf Direktinkasso lösen, so der Ansatz der Reisebüros. Im Gegenzug hätten die Veranstalter-Pleiten in den letzten Jahren das Vertrauen der Kunden in dieses Modell nicht unbedingt gestärkt. Die Frage der Solvenz betreffe auch die Veranstalter. Reisebüros fürchten, dass bei einer Pleite ihre Kunden stärker geschädigt werden.

Schwindende Liquidität und Probleme mit Service-Entgelt

Das größte Problem für die österreichischen Reisebüros ist, dass bei Direktinkasso – sprich der Veranstalter kassiert den Reisepreis direkt beim Kunden – ein erheblicher Teil der Liquidität verloren geht. Ein weiterer negativer Effekt sei, dass das Service-Entgelt, das der überwiegende Anteil der Reisebüros für seine Beratungsleistung verrechnet, nicht mehr im Gesamtpreis inkludiert werden kann. Man stelle sich vor, der Kunde bucht eine Pauschalreise bei TUI und erhält eine Rechnung. Für das Service-Entgelt müsste eine weitere Rechnung ausgestellt werden, was das Reisebüro teurer erscheinen ließe.

Kein einheitliches System

Von dem Gedanken, dass eventuell die Veranstalter das Service-Entgelt für das Reisebüro beim Kunden einzieht und mit der Provision überweist, könne man sich schon vorab verabschieden. Das werde nicht passieren, so Experten. Dazu komme, dass jeder Veranstalter sein eigenes System hat, und sich dadurch die Prozesse verkomplizieren – nicht nur buchhalterisch. Von einem einheitlichen „österreichischen Modell“ könne nicht ausgegangen werden. Auch der Zeitpunkt der angedachten Umstellung – noch in diesem Jahr – sorgt bei Reisebüros für Unverständnis. Warum das in der ohnehin höchst herausfordernden Zeit mit der ganzen Corona-Unwegsamkeit passieren soll, verstehe niemand.

Kundenkontakt geht verloren

Das große Plus des Reisebüros – die neutrale Beratung im Sinne des Kunden – gerate bei einer Umstellung auf Direktinkasso ebenso ins Hintertreffen. Der Veranstalter werde versuchen den Kunden näher an sich zu binden und mit Marketingmaßnahmen, Aktionen, Gutscheinen zu Direktbuchung zu animieren, so die Befürchtung. Darüber hinaus sehen sich die Reisebüros als Dienstleister. Es liege in der DNA der Reisebüro-Mitarbeiter, für die Kunden da zu sein. Mit dem Wegfall der Kommunikation, die der Veranstalter dann direkt abwickelt, der Abholung der Reiseunterlagen, der Bezahlung des Restbetrages fallen diese wichtigen Berührungspunkte weg. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, bei diesen persönlichen Treffen auch noch Zusatzverkäufe (z.B.: Parkplatz am Flughafen) zu tätigen.

Das Gegenteil dürfte eher der Fall werden, da die Marke des Reisebüros an Wert verliert und der Veranstalter in den Blickpunkt des Kunden rückt. Befürchtungen werden laut, dass durch den Geldverkehr zwischen Kunden und Veranstalter auch die Hemmschwelle, dort auch im Internet zu buchen, geringer werden könnte.

Keine Vorteile

Aus Kundensicht bringe das Direktinkasso auch keine Vorteile. Es stoße sogar eher auf Ablehnung, heißt es in der Branche. Datenschutzrechtliche Bedenken, Verlust oder Weitergabe der Kontodaten werden hier als Gründe genannt. Darüber hinaus ist das Modell des Direktinkassos nicht unbedingt geläufig. Niemand komme auf den Gedanken in einem Modegeschäft den Preis direkt an das Label zu zahlen, und nicht dem Verkäufer.

Die Liste der Argumente gegen die Umstellung von Agenturinkasso auf Direktinkasso, lasse sich noch endlos fortsetzen, so Insider. Eine Liste für Argumente dafür, gebe es nicht. Ein Vorteil für Reisebüros könnte sich bei der Margensteuer ergeben (sollte sie jemals in der angekündigten Form kommen), diese müssten sich Kunde und Veranstalter untereinander ausschnapsen.


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Dieter Putz

Autor/in:

Redakteur / Managing Editor

Dieter ist seit knapp 20 Jahren wichtiger Teil des Profi Reisen Verlags-Teams. Fast jedes geschriebene Wort das die Redaktion verlässt, geht über seinen Schreibtisch.





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