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E. Kneissl: „Wir brauchen dringend einen Fahrplan“


Elisabeth Kneissl-Neumayer, Geschäftsführerin Kneissl Touristik - Foto: Kneissl Touristik / Ilse
In einem offenen Brief macht Kneissl Touristik-Geschäftsführerin ihrem Ärger und ihrer Verzweiflung Luft. Damit dürfte sie der ganzen Reisebranche aus der Seele sprechen.

Einmal mehr zeigte sich gestern in einer Pressekonferenz von Tourismusministerin Köstinger, dass die Begriffe „Reisebüro“ und „Reiseveranstalter“ sichtlich nicht ins Repertoire der österreichischen Politiker gehören. Welche fatalen Konsequenzen diese kontinuierliche Missachtung einer ganzen Branche nach sich zieht, zeigt Elisabeth Kneissl-Neumayer, Geschäftsführerin Kneissl Touristik in Lambach, in einem offenen Brief auf.

Offener Brief von Elisabeth Kneissl-Neumayer/Kneissl Touristik

Als Geschäftsführerin von Kneissl Touristik bin ich für mehr als 50 festangestellte MitarbeiterInnen verantwortlich. Wir sind ein gesunder, seit 1984 stetig wachsender oberösterreichischer Reiseveranstalter mit Reisebüros in St. Pölten, Salzburg, Wien und Lambach. Wir gelten als größter Veranstalter für Studien- und Studienerlebnisreisen in Österreich.

Wir alle zählen zu einer Branche, die aus 2.000 Reisebüros, 700 Veranstaltern und total ca. 10.000 MitarbeiterInnen besteht. Ich bin keine offizielle Repräsentantin der Kammer oder eines anderen Gremiums oder Verbands, aber meine mehr als 40-jährige Tätigkeit als Veranstalterin, Ausbildnerin, Reiseleiterin und Referentin ermächtigt mich, zu reden und nicht zu schweigen: Meine, unsere Sorgen, Bitten und Wünsche müssen bei den österreichischen politischen Verantwortlichen und EU-Behörden/PolitikerInnen Gehör finden!

Wir Reiseveranstalter und Reisebüros fühlen uns im Stich gelassen!

Es muss doch jemand aus der Politik im Blick haben, dass auch die Reisebranche schützenswert ist bzw. eine Perspektive benötigt. Man kann uns doch nicht einfach sterben lassen und 10.000 Arbeitsplätze aufs Spiel setzen!

  • Ich bin empört darüber, dass in den letzten Pressekonferenzen – auch heute am 28.4. - der Ministerin für Tourismus sowie des Außenministers „Tourismus“ allein österreichische Hotels und Gastronomie umfasst. Auch wir Veranstalter, die österreichische Kunden in die gesamte Welt brachten, haben bis dato viel für das touristische Renommée Österreichs beigetragen. Und genauso brav wie Hotels und Gastronomie zahlen wir unsere Steuern und gewährleisten Arbeitsplätze. Ich wünsche mir, dass endlich jemand aus der Politik aufsteht und sagt, dass es auch hier eine schützenswerte Branche der Reisebüros und Reiseveranstalter gibt, die man nicht einfach sterben lassen kann.
  • Ich wünsche mir, dass wie in Italien, Frankreich, Belgien, Griechenland und Deutschland über Reisegutscheine als Ersatz für coronabedingte Reiseabsagen (zumindestens) intensiv diskutiert wird – ohne sofort abzublocken. Ich muss als Veranstalterin sehr wohl Gutscheine von italienischen und französischen Partnern akzeptieren: Für bezahlte Deposits bekommen wir tw. nur Gutscheine – gleichzeitig sind wir lt. PRG verpflichtet, innerhalb von 14 Tagen die Kundenzahlungen zu refundieren. Das kann sich nicht ausgehen!
  • Ich wünsche mir, dass man uns als Branche auch hört, wenn es um Gutscheine der Airlines geht. Bis letzte Woche heißt es seitens der EU, dass Airlines die Kunden (vor allem auch uns als Veranstalter und Reisebüros) nicht mit Gutscheinen „abspeisen“ dürfen – es müssen bezahlte Tickets zurückgezahlt werden. Jetzt hat scheinbar die Lobby der Airlines erreicht, dass diese Weisung der EU wieder diskutiert wird. So wie ich unglückliche Besitzerin von italienischen und französischen Reisegutscheinen bin, bin ich Besitzerin von Gutscheinen der TAP, SAA, Air Canada und vieler anderer Airlines, die sich eigentlich an die EU-Fluggastrechte halten müssten. Und natürlich mussten wir im Rahmen des PRG den Kunden das Geld zurückzahlen. Wie soll sich das ausgehen?
  • Ich wünsche mir, dass man bei unserem Außenministerium bei Ländern mit jetziger Reisewarnung erkennt, dass diese immer Status-quo-Zustände abbilden, die permanent evaluiert werden müssen. Gleichzeitig wäre es sehr sinnvoll, diese Informationsseiten wieder wie früher mit Inhalten zu füllen – momentan gibt es keine Informationen, nur den Hinweis „Reisewarnung Stufe 6“. Bei unseren Bemühungen, Geld von Leistungsträgern im Ausland zurück zu bekommen, benötigen wir aber solche Informationen. Die Botschaften sind ja vor Ort und liefern diese Informationen.
  • Wir brauchen dringend einen „Fahrplan“ – ähnlich wie bei den Geschäften, Dienstleistungssektoren, Schulen etc. (wünschenswerterweise in Abstimmung mit der EU und EWR) – über eine im Sommer beginnende Reisefreiheit, die es wieder möglich macht, zunächst sichere Ziele in Europa zu bereisen (Deutschland, Island, Dänemark, Baltikum, Portugal, Tschechien ...) und dann im Herbst auch sichere, weiter entferntere Destinationen zu erreichen (da spricht man ja bereits über Israel...). Viele Staaten haben es wie Österreich richtig gemacht, die Pandemie einzubremsen. Oder wir benötigen die klare Ansage, dass Reisen in andere Länder für alle Veranstalter/Menschen erst ab Herbst behördlich erlaubt sind. Wir wissen von bilateralen Gesprächen einiger Staaten, wir kennen aber keine Zwischenergebnisse, haben nichts, an das wir uns halten könnten.
  • Wir können ab 02.05. wieder unsere Reisebüros öffnen. Womit ich wieder auf den Fahrplan oben verweisen muss – was sollen wir anbieten? Österreich auf privater Ebene, weil Hotelbuchungen ab 29.5. nur für private Personen gestattet sind? Und Gruppen von 20 – 25 Personen auch im Sommer noch unerwünscht sind?
  • Wenn man jetzt auch noch den finanziellen Aspekt betrachtet - betreffend überall medial kommunizierter Meldungen zu „Schneller Hilfe“, „Sofort-Förderung“, „Unbürokratische Überbrückungsfinanzierung“ etc., stellt man schnell fest, dass die Realität diametral anders aussieht. Von wegen „sofort-schnell-unbürokratisch“ – als verbundenes (Tochter-) Unternehmen (50 Mitarbeiter) einer privat geführten Touristik-Firmengruppe mit mehr als 350 Mitarbeitern (= Arbeitsplätzen) zählt man nicht mehr als KMU (Kleine und mittlere Unternehmen) und fällt somit aus den Fördertöpfen der ÖHT (Österreichische Hotel- und Tourismusbank) sowie AWS (Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft). Zuständig ist hierbei die OeKB (Österreichische Kontrollbank), deren Formalismus und Auflagen sogar die eigene Hausbank zum Verzweifeln bringt.
  • Um es salopp zu formulieren: „Man muss zuerst ALLE Ersparnisse aufgebraucht haben – also kurz vor dem Exitus stehen – ABER jedoch vor der Krise wirtschaftlich völlig gesund gewesen sein!“.

Es heißt also: weiter zittern und in eine ungewisse touristische Zukunft blicken und hoffen, dass sich doch noch jemand für unsere Branche zuständig fühlt …

Ein bekanntes und treffendes Zitat des großen antiken Kirchenvaters Augustinus von Hippo lautet: „Die Welt ist wie ein Buch – wer nicht reist, sieht nur eine Seite...“

Oder wenn Sie es europäischer wollen von José Saramago: „Das Glück hat viele Gesichter. Das Reisen ist wahrscheinlich eines davon ...“

(red.)


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Autor/in:

Herausgeberin / Chefredakteurin

Elo Resch-Pilcik, Mitgründerin des Profi Reisen Verlags im Jahr 1992, kann sich selbst nach 24 Jahren Touristik - noch? - nicht auf eine einzelne Lieblingsdestination festlegen.





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