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Stefan Müller: Uns so zu verleugnen, ist eine Sauerei

Der CEO des inhabergeführten Familienunternehmens Rhomberg Reisen in Dornbirn übt Kritik an der unklaren Vorgangsweise bei den Grenzöffnungen.

Dass Tourismus in Österreich praktisch ausschließlich mit Hotellerie und Gastronomie assoziiert wird, ist für Stefan Müller, CEO von Rhomberg – Die Reisemaßschneiderei, „wie ein Schlag ins Gesicht“. Auch das Herumlavieren der österreichischen Regierung in Sachen Reisefreiheit kritisiert er, zumal er, mit Firmensitz in Dornbirn, die Vorgangsweise der anderen deutschsprachigen Länder hautnah mitverfolgt. Dennoch zeigt Müller sich zuversichtlich, doch noch ein kleines Sommerprogramm durchführen zu können, nicht zuletzt dank flexibler Airline-Partner.

Fragen & Antworten

tip-online: Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage für die Reisebranche?
Stefan Müller: Die Aussagen der Politik sind sehr unklar. Aus deutscher Sicht gibt es etwas mehr Klarheit. Wir sind von Dornbirn aus im Vier-Länder-Kontext unterwegs, da nehmen wir die unterschiedlichen Aussagen sehr bewusst wahr. In Österreich ist immer noch offen, was mit anderen Ländern, die nicht Nachbarstaaten sind, in Bezug auf die Reisefreiheit passiert. In Deutschland gibt es dazu bereits klare Aussagen. Wir sind sehr stark in Frankreich, besonders in Korsika, aber auch in Spanien und Griechenland. Für all diese Länder hat Österreich noch keine Vorgehensweise festgelegt. Einen eigenen Weg zu gehen macht keinen Sinn. Deutschland ist tonangebend, so dass die Entscheidungen dort wohl auch für Österreich und die Schweiz Gültigkeit haben werden.

tip-online: Worauf haben Sie sich eingestellt, ab wann kann man wieder ins Ausland reisen?
Stefan Müller: Wir sind bei Corona von Anfang an von dem Worst Case ausgegangen, dass es gar keine Sommersaison gegen wird. Bei Rhomberg Reisen machen wir 80% des Geschäfts im Sommer. Wir haben uns so eingerichtet, dass wir das überstehen. Der Best Case war, dass wir ab 30. August ein kleines Programm durchführen können. Jetzt hat sich die Situation günstiger entwickelt, aber es sind noch viele Fragen offen. Die Themen Flug, Transfer, Busse, Kinderbetreuung – da können wir uns als Veranstalter nur theoretisch drauf vorbereiten.

Staatshilfe für Marktanteile?

tip-online: Heißt das, dass Sie nun ein richtiges Sommerprogramm auflegen können?
Stefan Müller: Die Ungewissheit wird noch bis Mitte Juni dauern, dann können wir entscheiden, wie wir ein Sommerprogramm auflegen. Man wird sehr flexibel bleiben müssen und sich auf alles einstellen. Gesundheitsminister denken anders als die Lobbyisten der großen Veranstalter. Da besteht die Gefahr, dass man sich mitreißen lässt. Man darf Reisen anbieten, aber wirtschaftlich ist es nicht sinnvoll. Die großen Veranstalter nützen die Staatshilfe, um Marktanteile zu gewinnen. Wir als kleiner, privater Veranstalter müssen auf die Wirtschaftlichkeit achten. Es ist nicht vorstellbar, dass alle Menschen in den nächsten fünf bis sechs Wochen wegfliegen wollen. Wir müssen uns fragen, wie wir den Schaden nicht größer werden lassen. Wir wollen unseren Partnern in den Zielgebieten und der Belegschaft zeigen, dass wir da sind und versuchen das, wirtschaftlich darzustellen. Wir werden kein volles Programm rauffahren, nur dort, wo wir Chancen sehen und wo es Flüge gibt, die man zu einem Dreieck zusammenlegen kann. Das ist besonders bei Verbindungen nach Griechenland und Korsika ein Thema.

tip-online: Die Ungewissheit macht es auch für die Airlines nicht einfach. Mit welchen Partnern fliegen Sie und sind die flexibel genug für einen kurzfristigen Start?
Stefan Müller: Wir haben drei wesentliche Partner. Mit Level fliegen wir nach Korsika ab Wien, Memmingen und Salzburg mit einem A320 mit 180 Plätzen. Die Airline steht Gewehr bei Fuß, wir sind in ständiger Absprache und loten alles aus. Mit People’s haben wir Abflüge ab Altenrhein, mit Bulgarian Air Charter fliegen wir ab Linz nach Preveza. Auch die beiden sind sehr flexibel. Wir haben Glück mit unseren Partnern.

tip-online: Haben Sie aufgrund der Krise Änderungen bei Ihren Produkten vorgenommen?
Stefan Müller: Wir wollen Lefkas, Kefalonia, Korsika, Menorca und Kalabrien anfliegen. Das sind alles Nischendestinationen, abseits der Masse. Eine gute Voraussetzung für den Restart. Die Unterkünfte sind familiär, es gibt viel Platz und viel Natur. All diese Regionen waren von Covid-19 nur wenig betroffen. Unser Konzept ist destinationsorientiert. Vor der Krise hatten wir geplant, neue Zielgebiete aufzunehmen. Jetzt setzen wir die nächsten ein, zwei Jahre auf Bewährtes und arbeiten da in die Tiefe. Jetzt ist nicht die Zeit für Neues, das birgt immer ein Risiko. Unsere aktuellen Destinationen bieten wir teilweise schon seit Jahrzehnten an, Island seit 20 Jahren, Korsika gar seit 60 Jahren. Die Zeit spricht für Bewährtes.

Sicherheit ist Vertrauenssache

tip-online: In vielen Bereichen hat die Covid-Krise eine Fokussierung auf Regionalität hervorgerufen. Können Sie diesen Bonus als regionaler Veranstalter nützen?
Stefan Müller: Ja, darin sehe ich eine gewisse Chance, aber ob das lange anhält? Wir versuchen das zu nützen. Jetzt geht es um Vertrauen. Und Sicherheit ist eine Vertrauensfrage. Die Krisen der Vergangenheit haben gezeigt, dass sich die Lage schnell wieder normalisiert.

tip-online: Ist zu befürchten, dass durch die Krise die „Geiz ist geil“-Mentalität wieder stärker aufbricht?
Stefan Müller: Das ist abhängig von der Klientel. Bei der höheren Einkommensschicht sehe ich mehr Nachfrage nach Nachhaltigkeit und mehr Markenwahrnehmung. Wir sind seit einiger Zeit TourCert zertifiziert. Das heißt, wir kümmern uns um die gesamte Leistungskette bis ins Zielgebiet und bis zur Einhaltung von Menschenrechten. Dieser Schritt hat unserer Marke sehr gutgetan. Werte und Nachhaltigkeit haben bei uns seit Jahren einen hohen Stellenwert und die Kunden honorieren das.

tip-online: Ab wann rechnen Sie wieder mit einer halbwegsen Reise-Normalität?
Stefan Müller: Ich kann mir gut vorstellen, dass man nicht mehr wegen jedem kleinen Gespräch wegfliegen wird, besonders bei Geschäftsreisen. Der touristische Verkehr wird sicher schneller wieder auf das alte Niveau zurückkommen, das Bedürfnis zu reisen ist da. Bei Geschäftsreisen wird es aber wohl zwei bis drei Jahre dauern.

tip-online: Wird sich das touristische Produkt durch die Krise verändern?
Stefan Müller: Die Nachfrage wird stärker auf Nischendestination gerichtet sein, ebenso auf Freiraum und Natur. Ich kann mir gut vorstellen, dass man Sightseeing statt mit dem Bus mit dem E-Bike machen wird. Die Frage wird sein, wer geht wieder auf eine Kreuzfahrt oder auf eine Party-Meile am Ballermann, und auch, wie das vom hygienischen Standpunkt durchführbar sein wird.

 

Veranstalter und Reisebüros müssen zusammenhalten

tip-online: Wie haben Sie die politische Vorgangsweise in den vergangenen Wochen empfunden?
Stefan Müller: Eigentlich ist es eine Sauerei, wie das gelaufen ist. In Deutschland wird die Reisebranche zumindest wahrgenommen. Bei uns sind wir einfach nicht vorhanden. Ministerin Köstinger versteht unter Tourismus nur Hotels und Gastronomie. Das war für mich ein Schlag ins Gesicht. Die Reisebranche hat eine erhebliche Zahl an Beschäftigten und macht einen erheblichen Umsatz. Reisen ist ein Grundbedürfnis. Diese Form der Nichtbeachtung ist nur in Österreich passiert. Viel Branchenkollegen sind verärgert. Uns so zu verleugnen ist eine Sauerei. Das Vorgehen bei den Grenzöffnungen in Österreich ist zutiefst uneuropäisch. Deutsche sollen ins Land kommen, aber Österreicher sollen nicht rausgelassen werden!

tip-online: Sind Sie zufrieden mit den angekündigten wirtschaftlichen Hilfsprogrammen der Regierung?
Stefan Müller: Als Outgoing-Branche lässt man uns unter den Tisch fallen. Das Corona-Fixkosten-Paket ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Manche fallen um einen kompletten Jahresumsatz um. Aber es ist, wie es ist. Wir müssen schauen, wie wir einen Weg finden. Wir suchen eine Lösung für dieses Jahr und setzen auf einen guten Start für das nächste. 75% unserer Kunden haben umgebucht, 25% wollten ihr Geld zurück. Wir haben einen sehr hohen Stammkundenanteil in ganz Österreich. In absoluten Zahlen haben wir mehr Kunden in Wien als in Vorarlberg. Auch in der Schweiz und Deutschland haben wir viele treue Gäste, wir sind überregional aufgestellt. Wir vertreiben ca. 50% direkt und 50% über Reisebüros. Den höchsten Direktanteil haben wir in Deutschland.

tip-online: Hat Rhomberg Reisen auch ein Österreich-Programm erstellt?
Stefan Müller: Nein, wir hatten das bisher nicht im Programm. Die österreichischen Partner haben auch kein Interesse, sie verkaufen lieber direkt. Sie wollen keine Provision zahlen und wir sollen umsonst arbeiten.

tip-online: In Deutschland wird das Thema Vergütung für den Vertrieb gerade heftig diskutiert. Gibt es in Österreich auch Handlungsbedarf?
Stefan Müller: In Deutschland ist die Ausgangslage anders, da es dort Direktinkasso gibt. Daher haben manche Veranstalter für nicht durchgeführte Reisen die Provisionen rückgefordert. In Österreich fließt das Kundengeld über Reisebüros und bringt Liquidität, da die Anzahlung im Reisebüro bleibt. Eine Diskussion wie in Deutschland wäre nicht richtig in Österreich. Die Marge der Veranstalter ist oft geringer als die des Reisebüros. Wenige Veranstalter haben mehr als 2% Netto-Marge. Das liegt am Überangebot und an externen Anbietern wie Booking oder Expedia. Die österreichischen Reisebüros haben zu wenig Selbstbewusstsein, um Beratungsgebühren einzuheben. Das Internet wird immer schlauer, das ist die Herausforderung. Veranstalter und Reisebüros müssen zusammenhalten.

tip-online: Meine Fragen sind alle beantwortet. Möchten Sie noch was hinzufügen?
Stefan Müller: Ja, wir sind zuversichtlich, dass wir einen Weg finden, indem wir den Blick nach vorne lenken. Wir sind auf den Worst Case eingerichtet. Wir besitzen einen langen Atem, um spätestens 2021 wieder voll da zu sein. Sollten sich die Umstände bezüglich der Grenzöffnungen in der nächsten Woche klären, dann können wir noch heuer wieder loslegen. (red.)


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Autor/in:

Herausgeberin / Chefredakteurin

Elo Resch-Pilcik, Mitgründerin des Profi Reisen Verlags im Jahr 1992, kann sich selbst nach 24 Jahren Touristik - noch? - nicht auf eine einzelne Lieblingsdestination festlegen.





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