AlUla: Rawis erzählen Geschichten


Rawis erklären die Geschichte AlUlas
Über Jahrhunderte hinweg waren Rawis (Erzähler) die Bewahrer der mündlichen Tradition in der arabischen Welt. Sie überlieferten Gedichte, historische Ereignisse, Stammesgeschichten und das Wissen früherer Generationen.

In AlUla im Nordwesten Saudi-Arabiens wird diese Erzähltradition auf moderne Weise weitergeführt. Heute begegnen Besucher:innen den Rawis direkt an den historischen Stätten. Man kann sie ansprechen, ihnen zuhören, Fragen stellen – immer zeitlich unbegrenzt und kostenfrei.

Mehr als klassische Reiseführer

Die heutigen Rawis sind weit mehr als klassische Reiseführer:innen, die Jahreszahlen nennen und Sehenswürdigkeiten erklären. Sie verstehen sich eher als Mittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen archäologischer Forschung und gelebter Erinnerung. Viele von ihnen stammen selbst aus AlUla, sind mit den Geschichten der Oase aufgewachsen und haben die Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern gehört, wie zum Beispiel Rawi Kholouf. Sie kennt die Geschichten der historischen Altstadt seit ihrer Kindheit. Heute gibt sie dieses Wissen an Besucher aus aller Welt weiter. So wird Geschichte nicht nur über einen Ort erzählt, sondern ganz persönlich und von jenen Menschen, denen sie gehört.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Seit der Öffnung AlUlas für den internationalen Tourismus im Jahr 2020 begleiten die Rawis Besucher:innen durch die wichtigsten Kulturschätze der Region: die UNESCO-Welterbestätte Hegra mit den über 140 Felsengräbern, die antike Stadt Dadan, die Felsbibliothek Jabal Ikmah oder die historische Altstadt mit ihren über 900 Lehmziegelhäusern. Dabei verpacken die Erzähler:innen nicht nur die Erkenntnisse aus der Archäologie und Historie in lebendige Erzählungen, sondern verbinden sie auch mit ihren eigenen, zum Teil sehr interessanten Lebensgeschichten.

Geschichten austauschen

Das von den Rawis gemeinsam mit der UNESCO entwickelte neue Erlebnis „Qissa bi Qissa“ – „Geschichte gegen Geschichte“ erweitert die klassische Gästeführung: Nicht nur die Gastgeber:innen erzählen ihre Geschichten. Historische Objekte werden zum Ausgangspunkt für Gespräche über Heimat, Migration, Glaubensvorstellungen, Identität und gemeinsame menschliche Erfahrungen. Die Besucher:innen sind eingeladen, eigene Erinnerungen und Geschichten aus ihrem Leben zu teilen. So entstehe ein Austausch, der zeige, dass Menschen, auch wenn sie aus sehr unterschiedlichen Kulturen stammen, oft durch ganz ähnliche Erfahrungen verbunden seien, erklärt die Royal Commission for AlUla das Format.

Rawi-Ausstellung in Paris

Solch echte Begegnungen würden in unserem digitalen Zeitalter an Bedeutung gewinnen. Die UNESCO selbst setze mit ihrem aktuellen „Live Museum“-Ansatz bewusst auf persönliche Geschichten und den Dialog zwischen Menschen. Die Rawis aus AlUla würden zu den ersten zertifizierten Vermittler:innen dieses Modells in Saudi-Arabien und so ihre jahrtausendealte Kunstform in die Zukunft tragen. Dass diese Form der Kulturvermittlung inzwischen internationale Aufmerksamkeit erhält, zeige die Fotoausstellung „I AM A RAWI: Sharing Stories from AlUla“, die bis Ende August 2026 am UNESCO-Hauptsitz in Paris zu sehen ist. Sie rücke nicht die Monumente der Oase in den Mittelpunkt, sondern auch die Menschen, die ihnen eine Stimme geben. Als Teil der Partnerschaft der UNESCO mit der Royal Commission for AlUla (RCU) markiere diese Veranstaltung einen ersten Schritt zur Inbetriebnahme des künftigen Museum of Incense Road (Museums der Weihrauchstraße). Das Rawi-Programm und das Erlebnis „Qissa bi Qissa“ stehe für eine Neuausrichtung hin zu einem menschenzentrierten Kulturtourismus, heißt es weiter. (red)


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Redakteur / Managing Editor

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