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Im Interview: Sebastian Ebel, CEO TUI AG
Um noch stärker auf die Bedürfnisse des österreichischen Markts eingehen zu können, stattete vor kurzem TUI AG-CEO Sebastian Ebel mit seinem Management-Team TUI Österreich einen Besuch ab. Dabei fand er auch Zeit für ein Gespräch mit tip.
tip-online: Wird die neue Marke Sundeals, die gerade in UK eingeführt wurde, auch in die deutschsprachigen Märkte kommen bzw. wird sie ltur ersetzen?
Sebastian Ebel: In Deutschland sind wir mit ltur sehr erfolgreich. Seit wir uns neu aufgestellt haben, ist das dynamische Produkt eines der erfolgreichsten in den letzten zwölf Monaten. Wir haben auf der einen Seite die Kernmarke TUI mit den differenzierten Produkten und wir haben die Budget- und Last Minute-Marke ltur mit dynamisch paketierten Produkten. Das hatten wir in England so nicht, da lief alles unter einer Marke, was bei den Kunden manchmal zu Missverständnissen geführt hatte. Wir wollten eine stärkere Differenzierung über zwei Marken. Für Sundeals nutzen wir ltur als „Backbone“. In Deutschland – und auch in Österreich – gibt es daher heute keine Notwendigkeit, das erfolgreiche Modell ltur infrage zu stellen.
Inwieweit konnte die TUI die diesjährigen Krisen – Nahostkrieg, Waldbrände, allgemeine Verunsicherung etc. – abfedern?
S. E.: Auf der einen Seite haben wir 14 Quartale in Folge unsere Ergebnisse kontinuierlich verbessert. Wir sind also auf einem guten Weg – und dann kommt dieser überflüssige, furchtbare Krieg. Wir haben Millionen für die Rückholaktion der zwei Schiffe aus dem Nahen Osten aufwenden müssen. Wir haben ja gerade das dritte Quartalsergebnis vorgestellt, mit der Aussage, dass wir nach neun Monaten auf Vorjahresniveau liegen. Das ist ein gutes Ergebnis für diese Situation, gerade im Quervergleich mit dem Wettbewerb. Aber es ist natürlich enttäuschend, wenn man hart gearbeitet hat, auch für die Mitarbeitenden. Wir sind sehr resilient und haben eine gute Profitabilität. Und vielleicht ist das Positive daran: Wir haben die Situation genutzt, um die Transformation noch einmal zu beschleunigen.
Der Markt bleibt schwer vorhersehbar
Die Wirtschaftslage in Europa ist ja nicht gerade rosig – wo steht die TUI?
S. E.: Es gibt unterschiedliche Märkte. Deutschland als Schlusslicht hat seit zehn Jahren das geringste Wachstum. Wir als TUI hatten mit der verspäteten Auslieferung von Boeing-Flugzeugen zu kämpfen und hatten wegen Corona mehr als zwei Jahre geringe Umsätze. Und dazu immer wieder neue negative Effekte. Wir haben uns daher sehr stark auf die Transformation unseres Geschäftsmodells fokussiert. Wir haben heute eine sehr hohe Stabilität. Wenn die Märkte sich normalisieren, werden wir, da bin ich mir sicher, zu den Gewinnern zählen. Seit fünf Wochen läuft das Geschäft wieder gut, obwohl das Wetter ja nicht unbedingt Buchungswetter war. Also ich glaube, wir machen aktuell vieles richtig. Und wir können viele Dinge noch besser machen.
Wird sich das angepeilte Wachstum von 10% heuer ausgehen?
S. E.: Im Vorjahr hatten wir ein Ebit von 1,4 Mrd. EUR. Für dieses Jahr waren 1,5 Mrd. geplant. In der neuen Guidance, die wir im Mai den Märkten gegeben haben, gehen wir von einem Ergebnis von 1,1 bis 1,4 Mrd. EUR aus. Damit liegen wir zwar unter unserem besten Jahr, dem Vorjahr, aber unter den Rahmenbedingungen sind wir gut unterwegs.
Wie laufen die Buchungen in Österreich?
S. E.: Wir sehen, dass Österreich und auch Deutschland noch leicht unter dem Vorjahresniveau liegen. Zuletzt hatte ich ein Minus von 3% genannt, inzwischen haben wir aber weiter aufgeholt. Die touristische Saison läuft schließlich noch bis Ende Oktober. Besonders höherwertige Produkte sind stark gefragt, und in den vergangenen vier Wochen haben wir einen deutlichen Nachholeffekt verzeichnet. Auch für den Winter sehen wir aktuell ein klar zweistelliges Wachstum. Der Markt bleibt schwer vorhersehbar, zugleich beobachten wir immer wieder einen Gewöhnungseffekt an Krisen. Um die Chancen im Markt bestmöglich zu nutzen, wollen wir Österreich weiter stärken und noch gezielter auf die Bedürfnisse des lokalen Marktes eingehen.
Transformation zur Freizeitmarke
Die TUI wandelt sich vom Veranstalter zur Freizeitmarke. Wie sieht diese Transformation im Detail aus?
S. E.: Die Transformation erfolgt auf verschiedensten Ebenen. Dabei spielen Marke und differenzierte Produkte, also Produkte, die einen erhöhten Mehrwert bieten und eine gewisse Exklusivität haben, eine viel, viel stärkere Rolle. Und da sind wir auf einem guten Weg, mit mehr eigenen Hotelangeboten, mehr eigenen Schiffen und mehr Erlebnissen. Wir wollen die Kontaktpunkte mit Kunden weiter ausbauen. So haben wir z. B. eine Kooperation mit Hummel, einem Bekleidungshersteller, begonnen. Das ist eine spannende Veränderung der DNA.
Wird das noch weiter ausgebaut, auch in Österreich?
S. E.: In Österreich hoffe ich auf mehr Hotels mit TUI-Branding. Einer unserer Erfolge ist der Sporttourismus. Aktuell sponsern wir vier Marathons im Mittelmeerraum. Insgesamt sollen es zehn in Europa werden. Damit können wir die Saison verlängern und Vor- und Nachprogramme anbieten. Uns ist wichtig, dabei immer die lokale Bevölkerung mit einzubinden.
Ist auch ein Fokus auf andere Sportarten angedacht?
S. E.: Wir hatten schon ein, zwei andere angedacht. Wir sehen allerdings, dass die Wirkung bei Marathons aktuell am größten ist. Für mich das schönste TUI-Erlebnis ist der TUI Marathon auf Mallorca.
Platz für gute Reisebüros
Wird KI mittelfristig Reisebüros ersetzen?
S. E.: Ich bin der festen Überzeugung, dass langfristig auch Platz für gute Reisebüros ist, die dann ebenfalls KI einsetzen für die Kundenbetreuung. Das ist ähnlich wie bei Apple-Shops. Da stehen Kunden trotz Digitalisierung Schlange, wenn sie ein neues Produkt kaufen wollen. Wenn wir es schaffen, weiter mit unserer Marke in Richtung Erlebnisse zu gehen und dies verbinden mit gutem Service und Convenience, dann sorge ich mich nicht um die guten Reisebüros. Mein Sohn bucht auch lieber im Reisebüro, als dass er stundenlang selber sucht.
Kann die klassische Pauschalreise mit Nächtigungen in Hotels statt Airbnb die Auswirkungen von Overtourism teilweise eindämmen?
S. E.: Es gibt Overtourism wie es auch den Klimawandel gibt. In vielen Gesprächen merken wir, dass wir eher als Lösung als als Problem wahrgenommen werden. Gäste werden mit Bussen in Hotels gebracht, die vorwiegend von lokalen Mitarbeitenden betrieben werden. Wir haben Konzepte entwickelt, bei denen wir von lokaler Landwirtschaft Lebensmittel einkaufen, Aus- und Weiterbildung realisieren und zugleich einen Beitrag zur Entlastung der Umwelt leisten. Deshalb haben wir in der Regel ein gutes Standing. Das größte Problem ist Wohnraum. Wir nehmen keinen Wohnraum weg, wir schaffen ihn sogar. Ich kann verstehen, dass es die Bevölkerung nervt, wenn zu viele Reisende auf einmal unterwegs sind. Es braucht ein Miteinander. Es ist Aufgabe der Politik, einen guten Ausgleich zu schaffen.
Auf den Klimawandel reagieren
Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf den Tourismus?
S. E.: Den Klimawandel gibt es, und darauf müssen wir reagieren. Entscheidend sind die richtigen Investitionen in die touristische Infrastruktur. Heute erwarten Gäste nicht nur klimatisierte Zimmer, sondern Klimatisierung im gesamten Hotel. Ägypten zeigt, dass hohe Temperaturen kein Hindernis für eine starke Nachfrage sind, wenn Komfort und Qualität stimmen. Gleichzeitig könnte das attraktivere Wetter in Südeuropa die Nebensaison stärken, insbesondere für Zweit- und Dritturlaube. Nordeuropa bleibt ein interessanter Markt. Selbst bei einer Verdopplung des Volumens reden wir dort jedoch nur über rund 40.000 – spürbar, aber für den Gesamtmarkt nicht entscheidend.
Öffnen Destinations-Clusters wie auf Sansibar oder den Kap Verden nicht auch die Tore für Overtourism?
S. E.: Kap Verden ohne Tourismus ist für mich kaum vorstellbar. Ebenso wenig sehe ich dort die Gefahr von Overtourism. Die Inseln bieten viel Raum, und die touristische Entwicklung erfolgt geplant und modern. Ähnlich ist die Situation auf Sansibar. Beide Destinationen haben einen hohen Bedarf an Arbeitsplätzen und verfügen über weitläufige Küsten und Strände. Wir entwickeln unsere Cluster dort, wo sie wirtschaftlich sinnvoll sind und einen Beitrag zur lokalen Entwicklung leisten können. Gleichzeitig achten wir darauf, in Regionen zu investieren, die weniger stark von geopolitischen Krisen betroffen sind.
Wie entwickelt sich die Cluster-Kooperation mit Oman angesichts des Nahost-Kriegs?
S. E.: Die ist aufgrund der geopolitischen Situation ausgesetzt. Die Region hat sich durch den Krieg massiv verändert. Die Zusammenarbeit ist aber nicht aufgehoben und wird sicher mittelfristig wieder aufs Tableau kommen.
Die TUI erschließt laufend neue Quellmärkte mit Hotels – etwa in China oder Lateinamerika – welchen Umsatzanteil haben diese im Vergleich zu den traditionellen Märkten in Europa?
S. E.: Ca. 10% – mit deutlich höherer Ergebnisqualität. Im Hotelbereich fängt es jetzt an zu skalieren. Da liegen wir noch bei 2% bis 3% am Ergebnisanteil. Wenn man aus 20 Hotels hundert macht, dann skaliert das auf einmal. Bei hundert Hotels in China können wir ein Veranstalter-Produkt und eine eigene Agentur aufstellen. Das geschieht nicht für fünf Jahre, sondern für einen längeren Zeitraum. Mit TUI Blue sind wir jetzt erstmals in europäische Städte gegangen, etwa Sevilla oder Lissabon. In Portugal war TUI bisher nur in Faro bekannt. Das sind reine Leisure-Hotels und eine Abrundung des Angebots mit Städtereise-Paketen. Ein TUI Blue-Partner in Wien wäre schön.
"Ein TUI Blue-Partner in Wien wäre schön"
Wo sehen Sie die TUI in drei Jahren?
S. E.: Der Transformationsprozess bei Technologie und ergänzender Vermarktung wird konsequent fortgesetzt, hin zu einem Unternehmen, das noch stärker auf eigene, differenzierte Produkte fokussiert und so einen klaren Mehrwert für unsere Kunden bietet. In den nächsten drei Jahren sehe ich die TUI weiterhin auf dem Transformationsweg. Aufhören wäre Stillstand. Wir werden noch stärker die Früchte dessen, was wir heute machen, sehen. Auch werden wir in drei Jahren noch weitere Schritte in unserer Nachhaltigkeitsagenda auf den Weg gebracht haben. Das ist Teil unserer DNA geworden. Diese Vorreiterrolle im Tourismus werden wir ausbauen.
Möchten Sie noch eine Frage beantworten, die ich noch nicht gestellt habe?
S. E.: Ja, auch wenn es nicht direkt um Tourismus geht: Wir sollten das Thema Europa viel stärker in den Vordergrund rücken. Bei aller berechtigten Kritik an Bürokratie bleibt Europa für mich eines der erfolgreichsten politischen und wirtschaftlichen Modelle. Umso wichtiger ist es, dieses Projekt zu bewahren und weiterzuentwickeln. Der wachsende Rechtspopulismus stellt dabei eine ernstzunehmende Herausforderung dar.
Das Gespräch führte Elo Resch-Pilcik
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Autor/in:
Dieter Putz
Redakteur / Managing Editor
Dieter ist seit 25 Jahren wichtiger Teil des Profi Reisen Verlag-Teams. Fast jedes geschriebene Wort, das die Redaktion verlässt, geht über seinen Schreibtisch.
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