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Josef Weiermair: Wie ein Computer ohne Software


Josef Weiermair
Warum Busrundreisen auch für mitbuchende Reisebüros attraktiv sind, erklärt Josef Weiermair, Obmann der Fachgruppe Flug, Bus, Schiff in Oberösterreich und selbst Busunternehmer und Reiseveranstalter. 

Veranstalter und Reisebüros sind in dieser Rubrik in den vergangenen Wochen schon mehrfach zu Wort gekommen. Doch mit welchen Hürden kämpfen Busreisen-Anbieter derzeit? tip-online hat Josef Weiermair befragt, der als Busunternehmer auch Obmann der Fachgruppe Flug, Bus, Schiff in Oberösterreich ist. Zudem sitzt Weiermair im Vorstand der gbk – Gütegemeinschaft Buskomfort, einem Zusammenschluss von rd. 450 Busreise-Veranstaltern in ganz Deutschland.

In Österreich gibt es rd. 800 Busunternehmen, die ca. 4.000 Busse für Reise-, 4.000 für Städte- und 4.000 für Linien-Verkehr einsetzen. In Oberösterreich bieten 150 Busbetreiber auch Reisen an. Dass das Image von Busrundreisen durchaus noch aufpoliert werden kann, ist dem Fachgruppenobmann bewusst. Bei seinen Reisen sei der Altersdurchschnitt bei 50 Jahren angesiedelt, bei manchen Routen auch bei 70. Für Weiermair ist das „gute Gruppengefühl“ einer der wesentlichen Pluspunkte, abgesehen von modernem Komfort und umweltfreundlicher Fortbewegung. Der Bus sei das sauberste Verkehrsmittel auf der Straße, betont er und fügt hinzu: „Ein Schulterschluss zwischen Reisebüros und Busunternehmen sollte nicht nur in Österreich, sondern auch Europa-weit erfolgen.“

Fragen & Antworten

tip-online: Wie nehmen Sie als Busreisen-Anbieter die aktuelle Situation wahr?
Josef Weiermair: Die Saison beginnt mit März, jedoch muss heuer von Mitte März bis Mitte Juni mit 100% Ausfall gerechnet werden. Die ganze Arbeit des Vorjahrs ist praktisch „verdorbene Ware“. Seit 1. Mai sind Busfahrten zwar wieder erlaubt. Aber wenn die Verordnung am 30. April bekannt gemacht wird und wir bis Juni alles abgesagt haben und alles geschlossen ist, bringt das nichts. Wir haben immer Reisen zu den Festspielen, nach Mörbisch zum Beispiel, aber das ist heuer alles abgesagt. Mit Reisen innerhalb Österreichs lassen sich 2020 nur mehr ca. 10% des Umsatzverlustes wettmachen.

tip-online: Lässt sich das in Zahlen fassen?
Josef Weiermair: Ein Bus mit ca. 50 Sitzen beläuft sich auf 15.000 EUR Fixkosten pro Monat, ohne Lohn für die Busfahrer. Das zeigt die Dringlichkeit für ein Hilfsprogramm. Wir hoffen, dass dabei auch Leasing bzw. Abschreibungen berücksichtigt werden. Jeder Bus, der steht, verliert dabei an Wert. Die Situation der Busanbieter ist vergleichbar mit der der AUA. Wenn die AUA gerettet wird und die Reisebüros nicht, dann ist das so, wie wenn man einen teuren Computer hat, aber keine Software dazu. Und Bus-Anbieter sind eben auch ein wichtiger Teil der Touristik.

tip-online: Können mit den neuen Abstands- und Hygieneregeln Busreisen überhaupt ein Vergnügen sein?
Josef Weiermair: Mit Maske im Bus zu sitzen ist nicht lustig, aber für zwei, drei Stunden kann man das aushalten. Vor allem, wenn es zu Aktiv-, Wander- oder Radreisen geht. Unser Hauptpublikum bei Busrundreisen sind Senioren. Viele von ihnen wurden durch die Pandemie sehr erschreckt. Jetzt schaut es wieder besser aus, die Angst nimmt wieder ab. Wenn wir einen 50-Sitzer mit nur 25 Personen besetzen, gibt es genug Abstand. Die Busse können mit Ozon von Viren und Bakterien befreit werden, dazu gibt es Desinfektionsmittel bei den Eingängen.

tip-online: Glauben Sie, dass sich der Stellenwert der Busreisen nach der Pandemie ändern wird?
Josef Weiermair: Wir haben in unsere Flotte sehr viel investiert, um die Euro-6-Norm (Anm.: Abgasnorm) zu erfüllen. Umwelt- und Verkehrsministerin Gewessler hat angekündigt, dass beim Wiederaufbau nach der Krise Ökologie eine wichtige Rolle spielen soll. Da der Bus ist das sauberste Verkehrsmittel auf der Straße ist, rechnen wir mit entsprechender Unterstützung.

tip-online: Busveranstalter verkaufen ihre Reisen meistens direkt. Sind Busrundreisen für mitbuchende Reisebüros denn nicht attraktiv?
Josef Weiermair: Doch, durchaus. Ich glaube, dass Busunternehmen und Reisebüros künftig enger zusammenarbeiten sollten. Viele Busanbieter haben auch eigene Reisebüros. Wir arbeiten mit einigen Fremdbüros in Oberösterreich zusammen. Busrundreisen sind ein attraktives Produkt für Reisebüros, aber da gibt es noch viel Luft nach oben, weil das Image der Busreise schlechter ist als die Realität. Moderne Busse bieten eine hohe Sicherheit und jeden Komfort, mit Bistro und WC. Wir haben seit 30 Jahren keine 50-Sitzer mehr, weil wir mehr Abstand und somit Bequemlichkeit bieten wollen. Bei unseren Reiseprogrammen ist das ebenso, die haben mit Werbefahrten nichts zu tun. Unsere Reisen sind relativ teuer und unsere Kunden wissen, warum das so ist. Ein Billigprodukt hat es immer schwer, weil es immer etwas gibt, was noch billiger ist. Aber was zählt, ist Qualität. Wir haben auch schon Busrundreisen durch Südamerika angeboten, von Santiago de Chile über die Fjorde bis nach Puntas Arenas. Mit einem Bus, der den gleichen Standard wie österreichische Busse hat. Drei Wochen haben wir um ca. 6.000 EUR verkauft. Das ist auch für Mitbucher attraktiv. Seit 25 Jahren bieten wir auch Busrundreisen in Nordamerika an.

tip-online: Wie wollen Sie Reisebüros Busreisen schmackhaft machen?
Josef Weiermair: Momentan ist unser Vertriebsanteil über Reisebüros bei 3%, mein Wunsch wäre 10%. Mitbuchende Reisebüros brauchen mehr Informationen und Schulungen für den Counter. Wir werden Reisebüros auch mit Newslettern informieren und Pep-Angebote für Restplätze ausschreiben. Hilfreich ist es, wenn man sich spezialisiert und Stammkunden erarbeitet. Kunden sehen den Mehrwert einer Busrundreise. Wir arbeiten auch an einer Lösung, bei der Reisebüros online buchen können. Da werden auch Zustiegsstellen und Sitzplätze angezeigt. Wir wollten das heuer schon realisieren, aber jetzt denke ich, dass es ab nächstem Jahr freigeschaltet werden kann. Ich hoffe da auch auf einen Digitalisierungszuschuss.

tip-online: Was glauben Sie, wann Reisen wieder möglich sein werden?
Josef Weiermair: Es kann schon sein, dass es letztlich doch sehr schnell gehen wird. Zu einzelnen Zielen schon im Juli, ab September dann in größerem Umfang. Das wird von den bilateralen Abkommen abhängen und ob die Regierung mitspielt.

(red.)


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Autor/in:

Herausgeberin / Chefredakteurin

Elo Resch-Pilcik, Mitgründerin des Profi Reisen Verlags im Jahr 1992, kann sich selbst nach 24 Jahren Touristik - noch? - nicht auf eine einzelne Lieblingsdestination festlegen.





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