E. Baum-Helmis, Visit Estonia Market Manager DACH „Es braucht Zeit, bis man warm wird...."


Evely Baum-Helmis, Visit Estonia Market Manager DACH
Mit einer neuen Direktverbindung nach Tallinn rückt Estland wieder näher an Wien. Mit tip-daily sprach Evely Baum-Helmis, Market Manager DACH Visit Estonia, u.a. über Rauchsauna, Charakterzüge, Zugsverbindungen und Naturerlebnisse.
 

tip-daily: Air Baltic nimmt ab April die Strecke Wien – Tallinn in ihr Streckennetz. Was bedeutet das für Estland?
Evely Baum-Helmis: Es gab ja schon vor der Pandemie Direktflüge zwischen Wien und Tallinn. Dann ist die Nachfrage gesunken. Wir haben lange und intensiv daran gearbeitet, die Verbindung zurückzukriegen. Jetzt fliegt Air Baltic dreimal pro Woche ab/bis Wien. Vorerst nur zwischen April und September. Estland wird aber auch immer mehr zu einem Winter-Ziel. So hoffen wir, dass die Verbindungen bald auf ganzjährig ausgeweitet und auch nächsten Sommer wieder angeboten werden.

Wie ist das Echo in der Reisebranche auf die neuen Verbindungen?
E. B.-H.: Wir hatten im Vorfeld der Ferien-Messe ein Buyers-Dinner in Wien. Die Reaktionen auf die Air Baltic-Flüge sind sehr gut. Die gute Erreichbarkeit hilft uns auch, Estland als aufstrebendes, nordeuropäisches Reiseziel zu vermarkten.

Wie hat sich der Krieg in der Ukraine auf Estland ausgewirkt?
E. B.-H.: Bei Ausbruch des Kriegs hatten wir einen Tiefpunkt. Jetzt sehen wir eine starke Erholung. Die baltischen Staaten sind sehr sichere Länder, sie sind alle drei Nato-Mitglieder. In Punkto Sicherheit haben wir die anderen europäischen Länder aufgeweckt.

Wir verzeichnen stabile Steigerungen.

Wie entwickelt sich der Markt Österreich?
E. B.-H.: Wir verzeichnen stabile Steigerungen. Von Jänner bis November 2025 gab es mit 24.723 Nächtigungen ein Plus von 3,6% gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Auch die Gästezahlen stiegen um 3,4% auf 12.130.

Welches sind die stärksten Quellmärkte?
E. B.-H.: Das stärkste Wachstum verzeichnen wir aus den USA mit 25%. Die wichtigsten Märkte für uns sind Finnland, Lettland, Deutschland, Großbritannien und Skandinavien.

Wie lange ist die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Reisenden in Estland?
E. B.-H.: Aus Österreich ist sie nicht sehr lang, das sind eher Wochenend-Trips oder der Aufenthalt erfolgt im Rahmen einer Rundreise durch die gesamte Region.

Liegt das daran, dass in Österreich bisher vorwiegend die drei Baltischen Staaten gemeinsam vermarktet wurden?
E. B.-H.: Seit der Pandemie haben wir bei Visit Estonia den Fokus auf die Vermarktung als „Stand Alone“-Destination gesetzt. Neben den bestehenden Baltikum-Produkten ist es eine wichtige Ergänzung. Denn es gibt viele Gründe, in Estland länger zu bleiben und unterschiedliche touristische Regionen zu entdecken: sei es Küste, Inseln, Nationalparks, Tartu mit Südestland usw.

Wie kann das gelingen?
E. B.-H.: Mit der jüngeren Generation wächst ein neues Publikum heran. Ältere Reisende unternehmen gerne Rundreisen, etwa mit Kneissl Touristik, Ruefa Reisen, Eurotours oder Moser Reisen.

Es gibt für jeden Geschmack das Richtige

Was sind die Highlights einer Estland-Reise?
E. B.-H.: Da gibt es für jeden Geschmack das Richtige. Zum Beispiel eine Kombination aus Stadt und Natur. Rund um die Städte liegen viele Naturparks, in denen auch Tierbeobachtungen möglich sind. Tartu war 2024 Europäische Kulturhauptstadt. Für Aktive bietet sich u.a. eine Fahrradreise auf die Inseln an. Ein weiteres Aushängeschild ist die estnische Kulinarik. Das Land zählt zu den spannendsten Genussdestinationen Europas. Junge Köch:innen interpretieren traditionelle Rezepte neu und setzen auf regionale, saisonale Zutaten wie Fisch, Wild, Beeren und Pilze. Nachhaltigkeit und Zero-Waste sind fest verankert. 43 Restaurants sind bereits im Michelin Guide vertreten.

Braucht man einen Mietwagen oder kann man mit öffentlichem Verkehr reisen?
E. B.-H.: Das hängt ein bisschen von der Route ab. Es gibt sehr gute Zugverbindungen, z.B. 12-mal pro Tag Tallinn – Tartu – Südestland. Neu ist eine Verbindung Tallinn – Tartu – Riga / Vilnius. Und ab 2030 wird Rail Baltica die Strecke von Berlin über Vilnius, Riga nach Tallinn eröffnen. Das gehört zu einem EU-Investitionsprojekt in die baltischen Staaten und Teile Polens, das mit 5 Mrd. EUR veranschlagt ist. Für Nationalparks empfiehlt sich ein Mietwagen. Bei der Anreise nach Estland sind Fähren von Schweden und Finnland, die ähnlichen Komfort wie Kreuzfahrtschiffe bieten, sehr beliebt.

Welche Rolle spielen Kreuzfahrten?
E. B.-H.: Im Jahr landen ungefähr 120 Schiffe in Estland an, auch im Winter zu unseren wunderschönen Weihnachtsmärkten.

Was ist typisch für Estland?
E. B.-H.: Die Landschaft mit mehr als 2.000 Inseln, den Schären, vielen Moorgebieten und Taiga-Wäldern. Wir haben ca. 3.800km Küstenlinie. Unsere Mentalität ist anders als die der anderen Balten. Wir sind eher wie Skandinavier, wie Finnen. Ein bisschen auch vergleichbar mit Hamburgern. Es braucht Zeit, bis man warm wird, aber dann wird man nicht mehr losgelassen. Wir sind ruhig mit einem trockenen Humor. Ja, und ein großes Thema ist neben der Moderne und der Digitalisierung die alte Rauchsauna, das ist ein eigenes Ritual für die mentale Selbstreinigung. Wir sind sehr naturverbunden.

Das Gespräch führte Elo Resch-Pilcik


  Estland, Baltikum, Interview, Rundreise, Aktivreise, Kulturreise, Kreuzfahrt


Der Artikel hat Ihnen gefallen? Wir freuen uns, wenn sie diesen teilen!





Autor/in:

Herausgeberin / Chefredakteurin

Elo Resch-Pilcik, Mitgründerin des Profi Reisen Verlags im Jahr 1992, kann sich selbst nach mehr als 30 Jahren Touristik - noch? - nicht auf eine einzelne Lieblingsdestination festlegen.





Advertising




Tägliche Touristik News für Reisebüro Agents, Counter, Veranstalter, Fluglinien, Kreuzfahrten
Copyright © für alle Artikel: tip / tip-online.at & Profi Reisen Verlagsgesellschaft m.b.H.