10 Jahre AERTicket Österreich – Rainer Wieser im Gespräch


Rainer Wieser
Vor fast genau zehn Jahren, am 2. Jänner 2016 – dem ersten Geschäftstag des neuen Unternehmens, ging bei AERTicket Österreich die erste Buchung ein. Die Neugründung mit Beteiligung von AERTicket in Berlin hatte sich aufgedrängt, als TUI im Rahmen des „Tandem“-Projekts die beiden firmeneigenen Consolidators TLR-Tours und TUI Ticket Shop zusammenführen und in Bremen ansiedeln wollte.

Vor genau zehn Jahren hat der langjährige TLR-Tours Chef Rainer Wieser – inzwischen kann er auf mehr als 30 Jahre Erfahrung als Consolidator verweisen – die Chance ergriffen und ist mit AERTicket Österreich durchgestartet. Somit wurde das Beste aus zwei Welten verbunden: Ein lokaler Anbieter – die Tickets werden in Österreich ausgestellt – mit einer internationalen Technologie und globalem Content. Die starke, weltweit agierende AERTicket Gruppe garantiert zudem ständige technologische Weiterentwicklung. Im Gespräch mit tip-online blickt Geschäftsführer Rainer Wieser auf die ersten zehn Jahre zurück.

tip: Als österreichische AERTicket feiert ihr euren zehnten Geburtstag – wie hat sich der Markt in dieser Zeit verändert?
Rainer Wieser: Die Konzentration der Reisebüros ist noch weiter fortgeschritten. Kleinere haben teilweise verkauft oder sind in Pension gegangen. Durch die Flugbrille betrachtet ist alles noch viel technischer geworden, Stichwort NDC. Die Airlines wollen möglichst viel am GDS vorbei steuern. Auf Seite der Technologie müssen wir schauen, dass wir alle Tarife abbilden können. Dafür braucht es entsprechende Systeme, das macht alles komplexer. Da gibt es keine Alternative, weil wir den Reisebüros die besten Tarife anbieten wollen. Cockpit ist an 60 verschiedene Airline-Systeme angebunden, die Ergebnisse werden in unserer grafischen Oberfläche zusammengefasst. Die Reisebüros wiederum stehen vor der Herausforderung, ihre Stärken zu betonen. Standardprodukte werden zunehmend online gebucht. Gleichzeitig wollen Kunden immer mehr individuelle Angebote, hier punkten die stationären Büros. Uns kann es am Ende nur gut gehen, wenn es auch den Reisebüros gut geht.

Was waren die wichtigsten Meilensteine?
Rainer Wieser: Dass wir das erste Jahr überstanden haben. 2016 war unser erstes volles Wirtschaftsjahr. Wir sind mit einem Team von insgesamt neun Personen gestartet. Durch das erste Jahr sind wir ganz gut durchgekommen, mit einem blauen Auge. Der Markt hat uns sein Vertrauen geschenkt. Das war sehr wichtig.

Cockpit war ein großer Game Changer

Welche Rolle spielte Cockpit bei der Etablierung im Markt?
Rainer Wieser: Die Einführung von Cockpit 2018 war ein weiterer wichtiger Meilenstein. Da galt es, rund hundert Reisebüros davon zu überzeugen, von dem bisher verwendeten Fare Wizard auf Cockpit umzusteigen. Das hat ein, zwei Jahre gedauert und viele Schulungen, Telefonate und persönliche Gespräche erfordert. Für uns war es ein großer Game Changer zu sehen, wie gut das neue, grafische Tool angenommen wurde. Umgekehrt hat diese Entwicklung für mehr Aufwand bei uns gesorgt, da z.B. die Queue-Bearbeitung bei uns durchgeführt wurde. Wir haben mehr After-Sales-Services angeboten, was auch Mehrarbeit für uns bedeutete. Dazu haben wir das Team aufgestockt und auch einige Abläufe automatisiert.

AERTicket wurde im Vorjahr gehackt…
Rainer Wieser: Ja. Doch nach nur einer Woche hatten wir eine alternative Buchungsstrecke freigeschaltet, Cockpit light. Damit konnten bestehende Buchungen bearbeitet und neue getätigt werden. Nach acht Wochen konnten wir Cockpit wieder in Betrieb nehmen. Wir arbeiten viel über Fremdsysteme, wie etwa Amadeus. Das war für uns zwar mehr manuelle Arbeit, aber dadurch hat uns der Hack kaum Geschäft gekostet. Wir sind den Büros dankbar, dass sie uns die Treue gehalten haben. Die Gruppenbuchungen waren gar nicht betroffen. Die Quintessenz dieses Vorfalls ist, dass wir jetzt noch sicherer sind. Wir haben hohe Investitionen in die Cyber-Sicherheit getätigt.

Seit Ende vergangenen Jahres gibt es auch eine Zwei-Faktor-Authentifikation…
Rainer Wieser: Ja, aber da gab es keinen Zusammenhang mit dem Hack. Einige Cockpit-User wurden Opfer von Phishing-Mails. Da ging es vorwiegend um kurzfristige Buchungen und Abflüge, aus denen tatsächlich ein Schaden für die Büros entstanden ist. Aber wie gesagt, das hatte nichts damit zu tun, dass wir gehackt wurden. Davon waren keine heiklen Daten wie Log-ins oder Kundendaten betroffen. Die Zwei-Faktor-Authentifikation war eine Reaktion auf diese betrügerischen Mails. Auch wenn es etwas mehr Arbeit bedeutet, sind Reisebüros damit besser gegen Phishing-Attacken abgesichert.
Ja, auch das hat sich verändert. Vor zehn Jahren musste man sich noch keine Gedanken über Cyber-Sicherheit oder Phishing machen. Das ist eine sehr bedauerliche und ernste Entwicklung. Und auch die Insolvenz von FTI hatte Auswirkungen auf uns und den Markt. Also zwei weitere Meilensteine.

Consolidator haben an Bedeutung gewonnen

Was spricht für einen Consolidator?
Rainer Wieser: Ohne Consolidator wäre es für ein Reiseunternehmen schwer, Flüge zu verkaufen, weil es zu viele Content-Quellen gibt. Man müsste mit allen Airlines eigene NDC-Abkommen schließen. Heute ist ein Consolidator vielleicht sogar wichtiger als noch vor zehn Jahren. Am Counter gibt es immer weniger Flug Know-how, man konzentriert sich vernünftigerweise mehr auf Kundenberatung und Produktgestaltung. Das Reisebüro erhält von uns vollen Content über kostenlose Tools, dazu konstantes Service mit Help-Desk zum Thema Flug. Abgerechnet wird nach Transkationen. Consolidator haben an Bedeutung gewonnen. Um unsere Rolle mache ich mir weniger Sorgen. Eher ist die Frage, wie sich die Branche insgesamt weiterentwickelt.

Könnt ihr als Consolidator alle Tarife und alle Ancillaries anbieten?
Rainer Wieser: Ja, zu 95%. Es gibt immer noch Spezialfälle wie z.B. Ryanair. Aber sonst können wir fast durchwegs den gleichen Content anbieten, den die Airlines auf ihren Seiten haben. Eine ‚never ending story‘, um mit Fluglinien auf Augenhöhe bleiben zu können

Wo liegen die größten Herausforderungen?
Rainer Wieser: Die Investitionen in die Technologie stemmen zu können. Da passiert sehr viel. Wenn die Lufthansa eine neue NDC-Schnittstelle forciert, sind wir mehrere Monate mit einem größeren Team beschäftigt. Und das kommt regelmäßig bei fast allen Airlines alle paar Jahre vor. Das ist eine „never ending story“, damit wir mit den Fluglinien auf Augenhöhe bleiben können. Über die Jahre haben wir schon im einstelligen Millionenbereich investiert.

Werden AERTicket und Österreich und Deutschland künftig enger zusammenrücken?
Rainer Wieser: Nein. Bei der Technik macht die enge Zusammenarbeit Sinn. Sonst setzen wir auf einen multi-nationalen Ansatz mit lokalen Märkten und lokalen Unternehmen. Die Zentrale hält sich zurück, das ist eine andere Philosophie als etwa bei den großen Reiseveranstaltern. Cockpit wird weltweit, u.a. in Indien oder Brasilien, verwendet. Es gibt aber auch Märkte, die nicht damit arbeiten. In Skandinavien wird nach wie vor rund 90% über GDS gebucht. Dort ist bei den Reisebüros das Thema NDC sichtlich nicht so ausgeprägt. Vielleicht ist auch noch mehr Knowhow im Bereich Flug vorhanden.
Anfang 2025 hat die AERTicket Gruppe in Spanien Servivuelo, den spanischen Branchenprimus unter den Consos, übernommen. Der hat ein eigenes System, das weiterhin verwendet wird. Ganz nach dem Prinzip, jedes Land funktioniert anders. In der Türkei hat AERTicket die Bilet Bank akquiriert, ebenfalls mit eigenem System. Entscheidungen werden in den lokalen Märkten getroffen, die Zentrale liefert die Unterstützung. Man darf auch nicht übersehen, dass die AERTicket Gruppe kein börsennotiertes Unternehmen ist, sondern zum größten Teil der AER-Reisebüro-Kooperation gehört.

Es wäre ganz wunderbar, wenn wir in fünf Jahren unsere Marktführerschaft noch weiter ausbauen könnten

Wo siehst du AERTicket Österreich in fünf Jahren? 
Rainer Wieser: Das NDC-Angebot müssen wir bis dahin voll im Griff haben, sodass die nachgelagerten Prozesse wie Umbuchungen, Stornos oder Refunds von den Reisebüros selbst bearbeitet werden können. Als Sahnehäubchen würde ich mir zudem wünschen, dass wir in Cockpit auch Zusatzleistungen, also Hotels, Transfers oder Mietwagen, anbieten können. Dafür haben wir schon jetzt eine gute Strategie erarbeitet. Und ja, es wäre ganz wunderbar, wenn wir in fünf Jahren unsere Marktführerschaft noch weiter ausbauen könnten.

Möchtest du noch eine Frage beantworten, die ich noch nicht gestellt habe?
Rainer Wieser: Ja. Danke, danke, danke der österreichischen Reisebranche, dass sie uns ihr Vertrauen geschenkt hat.

Das Gespräch führte Elo Resch-Pilcik


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Autor/in:

Redakteur / Managing Editor

Dieter ist seit 25 Jahren wichtiger Teil des Profi Reisen Verlag-Teams. Fast jedes geschriebene Wort, das die Redaktion verlässt, geht über seinen Schreibtisch.





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