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M. Fast, Rewe Austria Touristik: „Die Leute sind sichtlich ausgehungert. Es tut sich was.“


Martin Fast, Geschäftsführer Rewe Austria Touristik
Der allseits erhoffte Sturm auf die Buchungszentralen hat bisher noch nicht eingesetzt. Dennoch scheint langsam Bewegung aufzukommen.

Ketchup- oder Sektflasche? Egal, wo die Vorlieben liegen, der Effekt ist der gleiche: Erst kommt lange nichts und dann alles auf einmal. Wann es so weit sein wird, dass es richtig sprudelt, schätzt Martin Fast, Geschäftsführer der Rewe Austria Touristik, im Gespräch mit tip-online. Darüber hinaus erzählt er, wie hilfreich ein starker Lebensmittelkonzern im Rücken ist, was sich durch engere Verzahnung der Bereiche Pauschal- und Bausteinreisen ändert, wie sich Leistungsträger neu aufstellen müssen und auch, was er der Krise Positives abgewinnen kann.

Fragen & Antworten

tip-online: Wie beurteilst du die aktuelle Lage?
Martin Fast: In vier bis sechs Wochen hoffen wir auf den Effekt der Ketchup-Flasche, wie Kanzler Kurz es beschrieben hat, oder der Sekt-Flasche, wie unser Chef Sören Hartmann es nennt: Erst lange nichts und dann kommt alles auf einmal.

Wie ist REWE Austria Touristik bisher durch die Pandemie gekommen?
Martin Fast: Da bin ich dem Rewe-Konzern, der unsere blauen Flecken und Schrammen sehr gut verarztet hat, sehr dankbar. Der Konzern steht voll hinter uns. Das ist ein gutes Gefühl. Gott sei Dank ist die Rewe ein Konzern, der auf zwei Säulen steht. Der Lebensmittelhandel ist ein Profiteur der Krise.

Die Zusammenlegung von Pauschal- und Bausteinprodukt ist in Deutschland schon viel früher erfolgt. Warum setzte man diesen Schritt in Österreich gerade mitten in der Krise?
Martin Fast: Ich würde nicht von „Zusammenlegung“ sprechen. Durch den Abgang von Gerhard Begher (Anmerkung: der langjährige Geschäftsführer von Dertour Austria hat das Unternehmen im September 2020 auf eigenen Wunsch verlassen) hat man mich gebeten, auch die Führung von Dertour zu übernehmen. Wir haben aber schon vorher viel gemeinsam gemacht, wie etwa die Verträge für die Key Accounts. Im Konzern sind wir auch bisher gemeinsam aufgetreten. Die beiden Standorte in Wien und Salzburg werden bleiben.

Was sind die wichtigsten Veränderungen, die sich daraus ergeben?
Martin Fast: Dass Jörg Fermüller Vertriebsleiter für alle Marken ist, haben wir bereits kommuniziert. Da die Verkaufsleiterin von Dertour, Nicole Lechner, uns auf eigenen Wunsch verlässt, wird ihr bisheriger Stellvertreter, Mathias Haberfellner, die Leitung übernehmen. Er steht dann auf gleicher Ebene wie Petra Seigmann. Beide berichten an Robert Biegler. Robert Uhl verlässt uns ebenfalls auf eigenen Wunsch Ende Juli.

"Wir sind der sicherste touristische Konzern"

 

Das klingt nach größeren Veränderungen. Wie stark wurden die Teams verkleinert?
Martin Fast: Der Personalstand ist in beiden Firmen geschrumpft, um ca. 25%. Das soll auch so bleiben. Trotz der pandemiebedingten Reduzierungen - wir sind jedenfalls der sicherste touristische Konzern.

Wie läuft der Restart an?
Martin Fast: Wir hängen bei 10% bis 15% im Vergleich zu 2019. Die Zeichen sprechen dafür, dass der Sommer heuer doch deutlich besser wird als 2020. Aber das Niveau 2019 liegt noch in weiter Ferne. Wir merken in Wien, dass die Telefonfrequenz bei Billa Reisen deutlich angezogen hat. Die Leute sind sichtlich ausgehungert. Es tut sich was. Auch für die KollegInnen ist das schön. Die Anzeichen sind positiv.

Was erwartest du für den Sommer 2021?
Martin Fast: Wir glauben fest an die europäischen Mittelmeer-Destinationen. Der Grüne Pass wird die Eintrittskarte sein, in erster Linie in Griechenland, aber auch in Spanien und Bulgarien. Die Türkei wird vielleicht auch noch aufgehen. Für die Ferne hoffen wir. Der Trend geht in Richtung Malediven, wenn man ohne Quarantäne heimkehren kann. Auch Mexiko mit der neuen AUA-Verbindung nach Cancun, Mauritius, die Seychellen, einfach die klassischen Winter-Destinationen – das könnte funktionieren. Für Dertour ist es wichtig, dass die USA wieder aufgehen.

Wurde das Europa-Produkt abseits der Städte bei Dertour weiter ausgebaut? Gibt es da Überschneidungen mit den anderen Konzern-Marken?
Martin Fast: Das ist schon im Fokus und wird markenübergreifend funktionieren. Jetzt arbeiten wir noch mit zwei Systemen. Ab Winter 2022/23 soll es nur noch eines geben. ATCOM ersetzt dann Blank und Phönix Unlimited. Überschneidungen beim Produkt gibt es schon. Aldiana ist zum Beispiel bei Dertour, Jahn Reisen und bei Billa Reisen im Programm. Wir wollen alle Zielgruppen aller Marken mit Leuchtturmprodukten ansprechen.

"Ein wertiges Produkt soll einen wertigen Preis haben"

 

Wie werden sich die Preise voraussichtlich entwickeln?
Martin Fast: Hoffentlich nach oben. In der ersten Phase des Restarts wird es sicher da und dort Animationspreise geben. Ein wertiges Produkt soll aber einen wertigen Preis haben. Ich hoffe, dass die Entwicklung in diese Richtung geht.

Hat die Pandemie das Ende des Overtourism gebracht?
Martin Fast: Manche Destinationen leben von der Quantität, nicht der Qualität. Aber à la longue wird es eine Relativierung geben und mehr Intensität des Erlebens. Ich hoff, dass durch Kapazitätsverengung und Preiserhöhung weniger Massenaufläufe stattfinden werden.

Derzeit sind Flextarife ein wichtiger Buchungsanreiz. Sind sie gekommen, um zu bleiben?
Martin Fast: Yes.

Sollte es zu einem Ende Anzahlungspflicht kommen – wie ließe sich dann die gesamte Leistungskette durchfinanzieren?
Martin Fast: Die Leistungsträger sind auf Vorfinanzierung angewiesen. Da wird es zu einer Verschiebung kommen. Es kann sein, dass sich ein Leistungsträger anders aufstellen muss oder er verschwindet. Man will flexibler gegenüber den Kunden sein, es braucht aber auch eine gewisse Planungssicherheit für beide Seiten, für Anbieter und Verbraucher. Das gehört geregelt.

Das Thema Direktinkasso hat im Vorjahr für Diskussionen gesorgt. Wo steht ihr da heute?
Martin Fast: Es gibt keine Diskussion mehr. Das System wird in Deutschland seit Jahr und Tag verwendet. Jetzt haben wir in Österreich mit dem Agenturinkasso einen Kompromiss; beim Direktinkasso würden sich die Reisebüros viel Aufwand ersparen. Der Veranstalter zieht die Anzahlung sofort ein, belässt aber die Provision schon zu Buchungsbeginn beim Reisebüro, das damit arbeiten darf. Beim Reisebüro-Inkasso, das wir bisher hatten, übernimmt die Agentur die Anzahlung ja treuhändisch und dürfte sie nicht anrühren.

"Aus Österreich für Österreich"

 

Eure Kooperation mit Fressnapf ist noch sehr neu. Sind noch andere Projekte dieser Art in der Pipeline?
Martin Fast: Pandemiebedingt wurden andere Projekte und Überlegungen gestoppt. Wir sind mit Fressnapf gestartet, derzeit nur in Österreich. Eine Ausweitung nach Deutschland wäre wünschenswert. Aber erst muss Österreich ordentlich laufen, dann können wir Überlegungen für weitere Schritte anstellen.

Kannst du der Krise auch etwas Positives abgewinnen?
Martin Fast: Absolut. So viel Zeit für die Familie und für private Dinge habe ich seit 20 Jahren nicht mehr gehabt. Das hat was Positives gebracht.

Möchtest du noch etwas hinzufügen?
Martin Fast: Ja, mir ist wichtig zu betonen, dass wir als österreichischer Veranstalter unseren Mann in der Krise gestanden haben. Als österreichische Firma haben wir gemäß den österreichischen Vorgaben agiert. Das ist ein Thema, das wir künftig größer ausspielen wollen. Die Regionalität. Darauf sind wir stolz. Wir machen alles im Land. Als Slogan heißt das „Aus Österreich für Österreich“. Wir sind der einzige Veranstalter in dieser Größe , der die gesamte Wertschöpfungskette in Österreich hat.

Das Gespräch führte Elo Resch-Pilcik


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Autor/in:

Herausgeberin / Chefredakteurin

Elo Resch-Pilcik, Mitgründerin des Profi Reisen Verlags im Jahr 1992, kann sich selbst nach 24 Jahren Touristik - noch? - nicht auf eine einzelne Lieblingsdestination festlegen.





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