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Thomas Bösl: Die alte Logik steht auf dem Prüfstand


Thomas Bösl
QTA-Sprecher Thomas Bösl macht sich stark für eine Neudefinition der Vergütung von Veranstaltern und Reisebüros.

Als Sprecher der größten Reisebüro-Kooperation Europas hat sich Thomas Bösl, Geschäftsführer der RT Reisen GmbH Burghausen, ein großes Ziel gesetzt: Er will die bisherige Logik der Provisionsmodelle der Veranstalter durchbrechen und auf neue Füße stellen.

Zur Wiederherstellung der Reisefreiheit plädiert Bösl für ein „transparentes Modell auf europäischer Ebene“. Zur Unterstützung der Reisebüros fordert er Zuschüsse, die nicht zurückgezahlt werden müssen. „Wer gesund in die Krise gegangen ist, muss auch gesund wieder rauskommen“, lautet sein Credo.

Fragen & Antworten

tip-online: Es gibt erste Anzeichen für eine Lockerung der Reisebeschränkungen - sehen Sie schon Licht am Ende des Tunnels?
Thomas Bösl: Ich sehe eine allgemeine Zurückhaltung, die auch die Reisebranche treffen wird, deshalb rechne ich nicht mit einer Schlangenbildung vor den Reisebüros. Es ist jedoch schwer, Prognosen abzugeben. Wir sehen zwar ein erstes positives Feedback von Kunden, aber Euphorie ist in Deutschland nicht zu spüren. Wahrscheinlich ist das in Österreich ähnlich, denn Vieles ist noch unbekannt und es gibt noch viele offene Fragen.

tip-online: Mitte Juni werden die Grenzen wieder schrittweise geöffnet. Wird es der Reisebranche gelingen, rechtzeitig zur Ferienzeit entsprechende Produkte zusammenzustellen?
Thomas Bösl: Ich gehe davon aus. Wir freuen uns über jede verkaufte Reise.

tip-online: Die strengen Maßnahmen treffen zusehends auf Widerstand. Wie stehen Sie dazu?
Thomas Bösl: Der Schutz der Gesundheit hat selbstverständlich höchste Priorität, aber ich bin nicht dafür, den Sommerurlaub summarisch abzusagen. Wir brauchen eine transparente Lösung mit einem Modell auf europäischer Ebene. Das ist wichtig für die Wirtschaft und speziell für die Planungssicherheit der Reisebranche.

tip-online: Gutscheine oder Fonds – welche Lösung befürworten Sie, um die Liquidität der Reisebüros zu verbessern?
Thomas Bösl: Zu Beginn der Krise war es darum gegangen, in Abstimmung mit den Politikern und Verbänden eine Lösung zu finden, die kurzfristig die Liquidität der Reisebüros sichern konnte. Die Idee der Gutscheine war eine Lösung, die den Schutz der Veranstalter ohne Zugriff auf Steuergeld ermöglichte. Bei dem in Deutschland üblichen Direktinkasso von vielen Veranstaltern wird die Provision erst bei Abreise ausbezahlt. Durch die Ausstellung von Gutscheinen würde der stationäre Vertrieb seine Provisionen erhalten und das hätte die Liquidität gesichert. Wir sind aber damals davon ausgegangen, dass sich die Lage bis Ende April wieder weitgehend entspannt. Das „Corona-Kabinett“ hat die Gutscheinlösung genehmigt, wollte sich aber in Brüssel absichern lassen, da die Kunden aufgrund der EU-Pauschalreiserichtlinie ihr Geld erstattet bekommen müssen. Das finde ich auch richtig.

Inzwischen haben einige Länder eine Gutscheinlösung auf eigene Faust umgesetzt, die EU-Politik jedoch hat die deutsche Bundesregierung fünf Wochen einfach hängen lassen. Das ist skandalös, und das versteht niemand. Tausende Firmen sind in ihrer Existenz bedroht, doch die EU lässt sie einfach warten. Leider sind wir auch heute noch nicht weiter. Die Reisebranche hat bereits ein halbes Jahr Profit und Provision verloren, und das ist schon eine sehr schwierige Ausgangssituation. Wir versuchen, der Politik die Dramatik der Situation zu vermitteln. Die Politik hat dies verstanden, dennoch hat sie sich bisher zu keiner Lösung durch ein Sonderfonds durchringen können.

tip-online: Wie stehen Sie nun zu einer Fondslösung?
Thomas Bösl: Ich bin nur bedingt ein Fan einer Fondslösung, und zwar wegen der Rückzahlungen. Wir haben bereits die Einnahmen aus zwei wichtigen Ferienzeiten verloren. Wann und wie kann da zurückgezahlt werden? Das wäre eine enorme finanzielle Belastung für das nächste Geschäftsjahr. Wir plädieren daher für einen Zuschuss, der nicht zurückgezahlt werden muss. Das ist eine berechtigte Forderung für den Mittelstand. Wenn das nicht umgesetzt wird, steht uns eine Insolvenzwelle bevor. Schon letztes Jahr war durch die Insolvenzen von Germania und Thomas Cook kein Jubeljahr .

Die Politik muss jetzt Verantwortung dafür übernehmen, dass sie einer Branche, die sich bisher immer selbst geholfen hat, faktisch ein Berufsverbot auferlegt hat. Daher lautet unsere legitime Forderung: Ein Unternehmen, das gesund in die Krise gegangen ist, muss auch gesund wieder herauskommen können, ohne von einer Schuldenlast erdrückt zu werden.

tip-online: Sie fordern ein neues Vergütungsmodell von den Veranstaltern. Was steht dahinter, was sind die Eckpunkte?
Thomas Bösl: Es ist zulässig, das aktuelle Modell nach einer solch massiven Katastrophe zu hinterfragen. In Deutschland erhält das Reisebüro die Provision bei vielen Veranstaltern, wie bekannt, erst bei der Abreise, da fast ausschließlich Direktinkasso angewandt wird. Praktisch bedeutet das für den stationären Vertrieb, dass er seine Arbeit bereits geleistet hat, aber weiterhin auf die Auszahlung wartet. So kann das nicht weitergehen. Die Provisionszahlung muss schneller gehen. Ein weiterer Punkt ist, dass die Provisionsmodelle in den letzten Jahren oft sehr unübersichtlich und intransparent gestaltet wurden.

tip-online: Für Verhandlungen bleibt nicht mehr sehr viel Zeit...
Thomas Bösl: Derzeit stimmen wir uns mit den Büros ab. Danach wollen wir die Gespräche mit den Veranstaltern führen und den Vorgang rechtzeitig vor Beginn der neuen Saison, spätestens im Herbst, abgeschlossen haben. Auch Veranstalter haben den Wunsch nach Veränderung, aber die Vorstellungen sind teilweise unterschiedlich. Die Branche steht aber auf jeden Fall vor einem massiven Umbau.

tip-online: Können Sie das präzisieren?
Thomas Bösl: Die Frage wird sein, wie alle, die Airlines, die Hotels, die Destinationen aus der Krise herauskommen, und auch, wie lange wir noch mit den Einschränkungen konfrontiert sein werden. Wir brauchen eine Abmachung zwischen Veranstaltern und Vertrieb, die auf diese Gegebenheiten reagiert. Das aktuelle Modell hat sich seit Jahren kaum verändert. Seine Logik steht jetzt auf dem Prüfstand.

tip-online: Wird das Reisebüro gestärkt aus der Krise hervorgehen?
Thomas Bösl: Da bin ich in meiner Einschätzung sehr vorsichtig. Die Krise war in dieser Heftigkeit nicht vorhersehbar. Jeder ist beschädigt. Wir müssen alle die Ärmel hochkrempeln. Das Reisebüro hat innerhalb der Reisebranche den Vorteil, dass es sehr nahe am Kunden ist, flexibel ist und eine schlanke Struktur hat. Der Vertrieb ist wahrscheinlich der Teil, dem die Bewältigung der Krise mit am schnellsten gelingen wird. Wie es ausgeht, werden wir frühestens Ende 2021 sehen, wenn es wieder eine gewisse Normalität gibt. Dann werden wir sehen, was sich geändert hat und wer aus dem Markt gegangen ist. Darüber hinaus ist aber auch die Frage wichtig, wie sich die Wirtschaft allgemein entwickeln wird, und wie es deshalb um die Konsumbereitschaft der Kunden stehen wird.

tip-online: Wird es sich der stationäre Vertrieb in Zukunft noch leisten können, vorwiegend klassische Pauschalreisen zu verkaufen oder wäre er mit individuell zusammengestellten Reisen besser beraten?
Thomas Bösl: Es wird eine Mischprodukt sein aus klassischen Pauschalreisen und maßgeschneiderten Reisen. Wir sind Vertreter des Fachhandels und definieren uns über das Fachwissen. Es ist unstrittig, dass das ein wichtiger Aspekt für die Reisebüros ist. Egal, ob selbst paketiert oder zugebucht wird, da müssen beide Schienen abgedeckt werden. Außerdem muss man sich fragen, wie man einen Kunden, den man bereits hat, ganzjährig betreuen kann. Man muss gleichzeitig Freizeit- und Reiseberater sein. Diese Entwicklung wird nun durch die Krise noch forciert.

tip-online: Das bringt uns zur Frage der Ausbildung – was kann man gegen den Fachkräftemangel tun?
Thomas Bösl: Deutschland und Österreich sind im Vergleich zu anderen Ländern relativ gut aufgestellt, aber das muss noch viel besser werden. Wir müssen unsere Mitarbeiter schützen und ihnen mehr Zeit geben, das Produkt kennen zu lernen und darauf achten, dass sie weniger verwalten müssen. Die Reisebüros hätten es wirklich verdient, aus dem Tal herauszukommen. Wir kämpfen für die Reisebüro-Branche und sehen dabei einen Neustart und Veränderungen als unsere größte Verantwortung an. (red.)


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Autor/in:

Herausgeberin / Chefredakteurin

Elo Resch-Pilcik, Mitgründerin des Profi Reisen Verlags im Jahr 1992, kann sich selbst nach 24 Jahren Touristik - noch? - nicht auf eine einzelne Lieblingsdestination festlegen.





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