Liberty of the Seas: "Ich bin so frei"
Die Liberty of the Seas der amerikanischen Reederei Royal Caribbean International zählt zu den größten Kreuzfahrtschiffen der Welt. Für die meisten Passagiere ist es noch viel mehr: ein ideales Urlaubsziel.
Der freitragende Whirlpool, in dem ich mich suhle, schwebt elf Decks über der karibischen See. Am überdachten Eislaufplatz gleite ich zu Tschaikowsky-Klängen tausende Meter über dem Meeresgrund dahin. Ich klicke meinen Karabiner an und erklimme die Kletterwand, bis ich 60 m über dem Wasserspiegel hänge und den herrlichen Ausblick ebenso genieße wie das Gefühl, es bis ganz nach oben geschafft zu haben. Nach ein paar Runden auf der Joggingstrecke am Sportdeck werfe ich mich auf mein Surfboard und versuche die nächste Welle am „Flowrider“ zu erwischen, wie immer vergeblich. Dafür ist aber mein Lieblings-Crosstrainer im Fitnesscenter frei und ich erstrample mir ein Kalorienminus, das ich an der Sushibar wieder aufzuholen plane.
Vorurteile adé
4.100 Passagiere und 1.400 Mann/Frau Besatzung wären diesmal an Bord, verrät mir der graumelierte Steward beim Check-In und freut sich, seine paar Brocken Deutsch an mir testen zu können. Der Gedanke, mit so vielen Menschen gleichzeitig auf ein Schiff gepfercht zu sein, hatte mich jahrelang davon abgehalten, eine Kreuzfahrt zu buchen. Der Dschungel meiner Vorurteile war sehr dicht: Platzangst beim Ein- und Aussteigen, endlose Schlangen am Buffet, Kalorienfallen noch und nöcher, Seekrankheits-Szenarien, Handtuch-Terror auf den Deckstühlen, keine freie Toilette, schnöselige Kapitäns-Dinners und unendliche Langeweile im landschaftsfreien Raum waren nur einige davon. Kurz darauf stehe ich an Deck und schaue auf den Hafen von Miami, von dem wir uns auf den Weg in die Karibik machen.
Das erste Vorurteil erweist sich schon einmal als haltlos: gelassenen Schritts und in sehr zivilisierten Reihen gehen die Passagiere an Bord, nachdem sie in dem modernen Terminal von Royal Caribbean International (RCI) eingecheckt haben. Ein kurzer Sicherheits-Check und schon ist es vorbei. Die Kabine erweist sich als perfekt und mein Kabinensteward könnte locker einen Preis für das strahlendste Lächeln der Karibik gewinnen. Selbst als wir ablegen und von der Skyline Miamis Abschied nehmen, findet jeder Passagier, der nicht schon in einer der vielen Bars feiert, einen Platz an der Reling. Im Laufe der Woche sollten sich auch sämtliche meiner anderen Vorurteile in Luft aufl ösen, denn es waren immer mehr als genug Plätze an der Sonne frei, es gab so viele leckere Buffets, immer auch mit einer gesunden Alternative zu Pizza und Braten, dass ich kein einziges Mal anstehen musste, und von besetzten Toiletten und Langeweile war keine Spur.
Zugenommen habe ich dank des regen Bewegungsprogramms und der guten Salatbar kein Gramm. Die Stabilisatoren der Liberty sorgten für eine ausgesprochen ruhige Fahrt und die Anlegemanöver verliefen so sanft, dass man aufpassen musste, sie nicht zu verschlafen.
Das Schiff ist das Ziel
Unsere Route führt durch die östliche Karibik mit Stopps in San Juan (Puerto Rico), Philipsburg (St. Maarten) und Labadee, dem privaten Strand von RCI auf Haiti, doch die meisten Passagiere scheinen sich für die karibischen Inselziele weniger zu interessieren als für die Aktivitäten am 15 Deck hohen, 339 Meter langen Schiff. Die Kinder an Bord – ihre Anzahl variiert je nach Saison – schätzen die altersgerechten Spiel- und Jugendgruppen oder vergnügen sich mit ihren Eltern in der H2O-Zone zwischen Wasserkanonen und Springbrunnen oder in den Swimmingpools.
Für Erwachsene, die es besonders ruhig haben wollen, ist ein eigener Bereich reserviert. Die Sportmöglichkeiten sind so vielfältig wie in kaum einem Club an Land und grundsätzlich gratis – nur wer einen Trainer bucht, muss extra bezahlen. An Innovationen mangelt es nicht, denn RCI sieht sich als Vorreiter der Branche, der den ersten Eislaufplatz und auch die erste Wellenreit-Maschine, den beliebten „Flowrider“, auf Hoher See anbietet. Die tägliche Bordzeitung wird in die Kabine geliefert und hält die Passagiere über das Tagesprogramm und etwaige buchbare Landausflüge am Laufenden. Abends locken hochklassige Revuen, Musical- und Eislauf-Shows in den riesigen Bordtheatern, das Casino und natürlich die diversen Restaurants, vom dreistöckigen Speisesaal à la Titanic bis zu den vier Spezialitätenrestaurants.
105.000 Mahlzeiten werden pro Woche serviert. Auf der Einkaufsliste finden sich unter anderem 6.500 kg Rindfl eisch, 5.500 kg Meeresfrüchte, 750 kg Kaffee, mehr als 30.000 kg frische Früchte, 2.900 Flaschen Wein und immerhin 200 Flaschen Whiskey. Wie auf jedem der drei Schiffe der Freedom-Klasse von RCI ist das Herzstück die 135 Meter lange „Royal Promenade“ mit ihren Geschäften und Lokalen. Dort ist immer etwas los, denn es ist der ideale Rahmen für die Paraden, Partys und Food-Festivals, die zu einer Kreuzfahrt auf der Liberty dazu gehören.
Stimmen an Bord
Passagiere aus mehr als 70 verschiedenen Nationalitäten sind diesmal an Bord. 1.600 von ihnen sind mehr als einmal dabei, einige scheinen auf dem Schiff zu wohnen. „Das ist mein 170. Urlaub auf der Liberty,“ setzt mich Mario aus Florida in Erstaunen, „es gibt einfach nichts Besseres.“ Er ist ein richtiger Aussteiger und lebt die meiste Zeit des Jahres irgendwo auf dem Ozean, wovon seine gegerbte Haut und seine Routine bei den diversen Bordunterhaltungen, wie z.B. dem „Hairy Leg Contest“ zeugen. Auf der Suche nach „normalen“ Passagieren treffe ich auf den kleinen Ruben aus Mexiko. Er ist mit seinen Großeltern unterwegs und fiebert jeden Morgen seiner Spielgruppe entgegen. Sein älterer Bruder Juan darf schon am Adventure Ocean-Jugendprogramm teilnehmen und findet das „cool“.
Peter, ein Ingenieur aus Upstate New York hat eine dicke Kamera um den Hals und ist speziell von den technischen Feinheiten der Liberty begeistert: „Ich freue mich schon auf die Besichtigungstour auf der Brücke.“ Seine Frau gibt sich inzwischen einer exklusiven Behandlung im Spa hin und meint: „Der einzige Nachteil der großen Schiffe ist, dass sie oft gleichzeitig in einem kleinen Karibikhafen anlegen und dann gleich tausende von Touristen die Stadt überschwemmen.“ Die Franzosen Jill und Jacques sind in Pension und zum ersten Mal auf der Liberty, wo sie besonders die Innenkabinen schätzen, deren Fenster auf die Royal Promenade gehen: „Da wissen wir immer, was gerade los ist.“ „Die Vielfalt und hohe Qualität, die beim Essen geboten wird, ist phantastisch,“ freuen sich Anna und Franz aus Wien.
Kein Wunder, dass es ihnen so gut schmeckt, denn wie der Hoteldirektor stammen auch der Food & Beverage Manager und der Chefkoch aus Österreich. Die Freundinnen Mona und Irene aus Deutschland zählen zu den Wiederholungstätern und leisten sich diesmal eine Außenkabine mit Balkon: „Das Tolle an einer Kreuzfahrt ist, wir kommen an Bord, werfen das Gepäck in unsere Kabine und sind frei!“ (sh)
autor: Maria Schoiswohl
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