Guatemala: Wo die Uhren anders ticken
23 April 2009, 18:07
Eine Riesenportion Dschungel, gewichtige Posten von Ruinenstätten, Mythen und Traditionen der Maya, ein kräftiger Schuss Kolonialarchitektur, zwei Küstenstreifen, eine Handvoll aktiver Vulkane und ein paar blitzblaue Seen – das sind die Grundzutaten einer Guatemala-Reise, zu würzen nach Belieben mit Prisen von Sport, Strand- oder Shoppingfreuden.
Chichicastenango: Frohes Feilschen
Entrückt von Raum und Zeit scheint Chichicastenango zu sein, eine schläfrige, überwiegend vom Maya-Volk der Quiché bewohnte Stadt im Hochland, die an den Markttagen Donnerstag und Sonntag zum Leben erwacht. Ein Labyrinth von Ständen und Garküchen füllt sich an diesen Tagen mit Kunsthandwerk, Textilien, Lebensmitteln, Krimskrams und Gerüchen aller Art, mit den bunten Trachten der Einheimischen und Trauben von Touristen, die alle paar Minuten zusammenzucken, wenn auf den Stufen der Kirche St. Thomas ohrenbetäubende Knallkörper gezündet werden. Ein stilleres, aber ebenso farbenfrohes Gegenstück zum Markt bildet der nahe gelegene Friedhof, zugleich katholischer Gottesacker und Schauplatz schamanistischer Opferrituale, mit denen die Geister der Ahnen um ihren Segen gebeten werden – eine Mischung von Katholizismus und Maya-Riten, die für „Chichi“ charakteristisch ist. Den unbekümmerten Grenzübertritt zwischen den Religionen illustriert auch der Hausaltar einer kleinen Raststation am Fuß der Wasserkaskaden „Siete Altares“ an der Karibikküste, der neben einem Kruzifix und afrikanischen Gottheiten eine Buddhafigur und ein Bild Bob Marleys umschließt – doch dazu später. Steile Kegel & stille Seen
Das subtil eingeflochtene Stichwort „Siete Altares“ bringt uns zu den Naturschönheiten Guatemalas: Imposante Panoramen bildet die Kette von 33 Vulkanen im Südwesten, in der drei Kegel noch immer schmauchend Lebenszeichen geben. Von Vulkanen dramatisch gesäumt ist der westlich der Hauptstadt gelegene leuchtendblaue See Atitlán, dessen Ufer sich zum beliebten Erholungsgebiet entwickelt haben – am bekanntesten darunter die Ortschaft Panajachel, eine frühere Hippie-Kolonie, die sich zum lebhaften Urlaubsort gemausert hat. Mit dem Lake Petén im Norden und dem Lake Izabal im Osten sind zwei weitere zauberhafte Seen zu entdecken, aber auch Bootsfahrten auf Flüssen wie dem Río Dulce erschließen ungezähmte Dschungelszenarien und idyllische, mit Holzhütten gesprenkelte Ufer. Ein paradiesisches Fleckchen sind die genannten „Siete Altares“ an der Karibikküste nahe Lívingston, wo sich ein kleiner Fluss über sieben natürliche Becken Richtung Meer ergießt – MGM musste hier lediglich ein paar Lianen befestigen, um die perfekte Kulisse für die ersten Tarzan-Filme zu schaffen.Neben renommierten Hotelketten in- und ausländischer Provenienz führt die Hotellerie mit umgebauten landestypischen Residenzen und Klöstern besondere Highlights in der Palette. Zwei Domizile in Antigua, die besondere Erwähnung verdienen, sind die luxuriöse Casa Santo Domingo, ein weitläufiges ehemaliges Dominikanerkloster mit viel Augenmerk auf Details (www.casasantodomingo.com.gt), und die Posada de los Leones (www.lionsinnantigua.com), ein kleines Schmuckkästchen mit faustdickem kolonialen Charme.
(Dieses) Antigua ist eine Stadt
Wer Vulkane mit Erdbeben assoziiert, liegt im Fall der UNESCO-Stadt Antigua richtig: Die ehemalige Hauptstadt, rund eine Fahrstunde westlich von Guatemala City gelegen, wurde im Jahr 1543 gegründet und entwickelte sich zu einer prachtvollen Stadt mit 36 Kirchen und Klöstern und schmucken Kolonialbauten, wurde aber immer wieder von Erdbeben erschüttert, bis sie 1773 den Todesstoß erhielt. Zum Glück nur vorübergehend, denn die Stadt erlebte im frühen 19. Jahrhundert ihre Renaissance und wurde großteils im Originalzustand wieder aufgebaut, wenngleich noch immer Ruinen mächtiger Bauten an die Vergänglichkeit des Irdischen erinnern. Am spektakulärsten zeigt sich dies am Beispiel der Santiago-Kathedrale, in deren Hauptschiff eingestürzte Dachkuppeln und geborstene Säulen die schiere Gewalt des Bebens veranschaulichen. Heute ist das Städtchen, das besonders bei Sprachschülern hoch im Kurs steht, ein reizvolles Pflaster für Flaneure, die entlang farbig getünchter Hausmauern von einem Eingangstor zum nächsten bummeln, um dahinter liebevoll begrünte Innenhöfe und stattliche Residenzen zu entdecken.
Zurück zu Bob Marley
Die Rhythmen des Reggae sind ein kultureller Beitrag der so genannten „Garífuna“ an der Karibikküste, der Nachfahren von schiffbrüchigen schwarzen Sklaven, die neben den europäisch-indianischen Mestizen, den „Ladinos“, und den „Indígenas“, den Nachfahren der Maya-Völker, eine eigenständige Bevölkerungsgruppe bilden. Ihr gelassener Lebensstil, ihre Küche, ihre Vorliebe für knallbunte Hausfassaden und ihre Musik prägen die kleine Küstenstadt Lívingston, die unverkennbar karibisches Flair verströmt. Die Strände unmittelbar bei Lívingston sind zwar nicht die attraktivsten der Karibik, doch warten in bequemer Reichweite schönere Gestade wie die Playa Blanca für erholsame Stunden auf, mit denen sich der Abstecher ins Karibik-Feeling abrunden lässt.
Tanz auf dem roten Tempel
Durch grünes Dickicht führt der Fußpfad zur Maya-Stätte Tikal in der Provinz Petén im Norden des Landes, begleitet vom Geschrei der Heulaffen in den Wipfeln und von Nasenbären, die im Unterholz eifrig nach Leckerbissen rüsseln. Noch über die Baumkronen hinaus ragen die verwitterten Spitzen der Bauwerke der UNESCO-gelisteten Maya-Stadt, deren Wurzeln bis ins 7. vorchristliche Jahrhundert zurückreichen und die im 6. – 9. nachchristlichen Jahrhundert ihre Blütezeit erlebte. Die Ausmaße des riesigen Komplexes von mehr als 3.000 Palästen, Akropolen, Tempeln, Pyramiden und Terrassen, die noch immer zu rund 90 Prozent vom Dschungel überwuchert sind, lassen sich nur von einem erhöhten Aussichtspunkt erahnen, etwa von der Plattform des „Templo II“ an der „Gran Plaza“, dem Herzstück der Stadt. Die Wucht der Gebäude verstärkt sich noch um ein Vielfaches, wenn man sie sich in ihrer tiefroten Originalfarbe getüncht vorstellt und den Platz mit bunt gekleideten Menschen belebt, aber auch für den nüchternen Betrachter steckt noch genügend Majestät in den alten Steinen, um ihm klar zu machen, dass er auf heiligem Boden steht. Festgehalten für die Ewigkeit
Stark auf ihren irdischen Ruf und dessen Weiterleben bedacht waren die Maya-Herrscher, die zwischen dem 5. und 9. Jahrhundert n. Chr. zur Erinnerung an ihre Taten die gigantischen, ebenfalls UNESCO-gewürdigten Stelen von Quiriguá im Ostteil Guatemalas behauen ließen. Bis zu 10,5 Meter hohe Monolithe wurden mit Abbildern der Herrscher und Hieroglyphen bedeckt, in denen historische Ereignisse festgehalten wurden. Als Altäre sollen die ringsum verstreuten zoomorphen Sandsteinblöcke genutzt worden sein, die mit kunstvoll verwobenen Reliefbildern von Jaguaren, Schildkröten, Schlangen und Tänzern verziert sind. Noch Jahrhunderte später verblüffen die Darstellungen mit lebendigen Details wie tanzenden Füßen, grimmigen Tierfratzen und noblen Profilen. Mit etwas Glück wird man bei seinen Erkundungsgängen von einem Führer vom Format unseres Guides Emilio begleitet, der mit jedem Satz zugleich eine Frage beantworten und neugierig auf mehr machen konnte – Gracias, Emilio! (MH)
Autor: Franz PAUL
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