Lasst euch überraschen!
9 April 2010, 12:36
Maria Hohenau entführt nach Irland.
Auf meinem Irland-Foto ist nicht das Ziel des Ausflugs, die Abtei Clonmacnoise, zu sehen, sondern die nahe gelegenen Ruinen einer Festung aus dem 13. Jahrhundert, die nun als bizarres Fragment dastehen. An der Ostflanke ist das Fundament der Burg abgebröckelt, in prekärem Winkel neigt sich die ungestützte Mauer nach innen und trotzt somit zugleich der Schwer- und der Vorstellungskraft. Als Auftakt einer Irland-Reise keine üble Einstimmung dafür, was folgen wird: Man kommt aus dem Staunen kaum noch raus.
Die Clonmacnoise Abbey, am Ostufer des Shannon unfern von Athlone im 6. Jahrhundert errichtet, wurde bis zu ihrer Auflösung im 16. Jahrhundert vielfach belagert, überrannt und geplündert, doch geben die Ruinen von Kirchen und Kapellen, die Rundtürme, Gräber und Hochkreuze noch einen guten Eindruck von ihrer Blütezeit, als sie ein Zentrum des christlichen Glaubens und der Wissenschaften bildete. Noch rätselhafter sind die Monolithe, Gräber und Ruinen, noch imposanter die Ausmaße der Schlösser und Burgen, die im weiteren Verlauf der Reise besichtigt werden. Noch verblüffender als alle historischen Schätze der Insel sind aber ihre quicklebendigen Bewohner, ein Menschenschlag, der mit herkömmlichen Maßstäben nicht zu erfassen ist.
Steine (I), Pflanzen (I) und Steine (II)
Die ganz im Westen gelegene Abtei Kylemore könnte auf den ersten Blick vom Reißbrett Walt Disneys stammen: Märchenhaft schön liegt das Schloss aus dem 19. Jahrhundert am Ufer eines glasklaren Sees, in dem sich seine Zinnen spiegeln, gerahmt von einem Garten, der an Romantik nichts missen lässt. Die Benediktinerinnen haben das von einem wohlbestallten Kaufmann errichtete Schloss übernommen und rundum einen verzauberten Garten angelegt, in dem nur Kräuter und Blumen gezogen werden, die schon zur Zeit Königin Victorias in Irland verbreitet waren.
Zeitsprung um ein paar Jahrtausende: Das Steinfort Caherconnell, im Herzen der Region Burren im Südwesten Irlands gelegen, blickt auf eine Geschichte von ca. 1.000 Jahren zurück, wurde aber an einer Stätte errichtet, die schon in der Steinzeit besiedelt war. Der kreisrunde Steinwall mit einem Durchmesser von ca. 43m birgt daher neben Artefakten seiner Entstehungszeit noch eine Vielzahl weiterer Geheimnisse, die erst nach und nach ans Licht befördert werden – wer den jüngsten Erkenntnissen auf der Spur bleiben will, findet unter www.burrenforts.ie die letzten Forschungsergebnisse.
Steine (III), Pflanzen (II) und Sterne
Weniger geheimnisvoll, dafür umso mehr den guten Dingen des Lebens zugewandt ist das unfern gelegene Dromoland Castle, dessen Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen und das schließlich zum einladenden Schlosshotel umgewandelt wurde. Ein bildhübscher Park, ein stiller See und ein Championship-Golfplatz samt Golfschule zählen ebenso zu seinen Attraktionen wie die Noblesse der Hotelzimmer und der herrschaftlichen Lounges, das gepflegte Spa und der exzellente Five o’clock tea, der traditionell mit süßen Häppchen gereicht wird.
Erst im kommenden Jahr soll das Birr Castle in der gleichnamigen Stadt für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, dessen weitläufiger Park aber jetzt schon zu besichtigen ist: Generationen von aristokratischen Pflanzenliebhabern haben hier exotische Bäume und Blumen gepflanzt. Inmitten der wuchernden Vielfalt, durchzogen von einem gurgelnden Bach, sticht ein gigantisches Teleskop ins Auge, das vom dritten Earl of Ross im 19. Jahrhundert als damals größtes seiner Art weltweit entworfen und gebaut wurde und das heute noch den (selten wolkenfreien) Nachthimmel über Irland zu entschlüsseln hilft.
Nun die Leute (I)
Brian Hughes heißt der in den besten Jahren angekommene Besitzer des Schlosshotels Abbeyglen, der die Kunst der Multilokation perfektioniert zu haben scheint. Im stattlichen Schloss finden Hochzeiten und Familientreffen statt, bei denen der Hausherr mit fröhlicher Selbstverständlichkeit und sicherer Hand auf seinem Pianino in die Tasten greift und die richtigen Melodien anstimmt, bis das ganze Schloss zu beben beginnt, bis sich eine Atmosphäre entfaltet, die den Abendstunden einen goldenen Glanz verleiht. Anderntags trinkt Brian Hughes morgens mit mir im Frühstückssaal eine Tasse Kaffee, kaum komme ich die Treppe hinunter, finde ich ihn in der Lobby mit Gästen plaudernd, trete ich auf die Terrasse, so steht er inmitten der Journalistenrunde, die – ungern – ihrem Aufbruch entgegensieht. Den Schlossherrn gibt es dreimal oder gar nicht, wie es scheint.
Sie spricht 500 Silben pro Minute und begeistert allein durch die Kraft ihrer Begeisterung alle, die ihr zuhören – Mrs. Janet Harbison ist Mitte Fünfzig und ein Energiebündel, das Atomkraft für alle Zeiten obsolet zu machen verspricht. Sie unterrichtet unfern von Limerick eine Kindergruppe im Harfenspiel und passt nur mit Ach und Krach in das bereit überfüllte Schulzimmer, in dem gut zwei Dutzend Kinder ihren Saitenschlag üben. Sie organisiert Tourneen, sie nimmt CDs auf, sie treibt Gelder auf und sie hängt Wäsche in ihrem winzigen Garten auf – eine Stunde in ihrer Gegenwart entlässt den Besucher atemlos und voll der Bewunderung, denn Mrs. Harbison verseht es, aus allem, was sie anfasst, das Beste herauszuholen. Sie hat früher in Belfast die protestantische und katholische Jugend mit ihrer Musik zusammengebracht, sie weiß, wie man Brücken schlägt.
Leute (II) und Gespenster
Von Íde Barrett habe ich kein Foto geschossen und bedaure es, denn sie kommt in der Beschreibung schwer rüber. Irgendwo um die 60, weißhaarig, zartwüchsig, wachen Blicks. Als erstes testet sie unser Sprachvermögen und das Ausmaß des Interesses, das ihr entgegenschlägt, dann schraubt sie das Niveau höher. Es ist nicht leicht, die Sammlung Hunt in Limerick in einer knappen Stunde vorzustellen, zu interpretieren und den roten Faden darin deutlich zu machen, doch es gelingt der Dame, in einer Zeitraffer-Führung das Wichtigste zu vermitteln. Sie stellt den Kontext zwischen einer blauweißen Milchkanne und einem mittelalterlichen Kruzifix, zwischen keltischem Schmuck und Gemälden von Renoir und Picasso so plausibel dar, dass man den Geschmack der Sammler, des Ehepaars Hunt, zu erahnen und zu schätzen beginnt. Es geht nicht um historischen oder künstlerischen Wert allein, sondern um Dinge, die das Herz berühren.
Er ist baumlang, sie mittelgroß, beide nicht mehr ganz jung, beide von einem Feuer erfüllt. Das Ehepaar Dearbhaill Standún und Charlie Troy hat auf seinem Grundstück in Spiddal westlich von Galway Überreste steinalter Cottages entdeckt und diese zu restaurieren begonnen, es war Knochenarbeit, die eine Unmenge Zeit und gar nicht wenig Geld gekostet hat. Schmuck stehen die Cottages von Cnoc Suain nun für Gäste offen, die keinen großen Wert auf Luxus legen, dafür das Flair des Authentischen schätzen, das hier faustdick zu erleben ist. Knarrende Holzstiegen, gemütliche Kaminfeuer, anheimelnde Stuben, der Blick durch winzige Fenster auf weites Moorland. Garniert wird der Aufenthalt von Kostproben irischer Musik und Dichtkunst, von hausgemachten Leckereien und Legenden, die unmittelbar der mystischen Landschaft entsprungen scheinen – unheimliche Moorlichter („Will-o'-the-wisp“) spuken hier zuhauf.
Ländliche Fundstücke
Scones backen und Schäferhunden bei der Arbeit zusehen – dieser Programmpunkt erwartet uns in Adrahan in der Grafschaft Galway auf der Rathbaun Farm, die von Geraldine Connolly mit eiserner Hand geführt wird: Die resolute Bäuerin lässt uns Schürzen anlegen und Häubchen aufsetzen und demonstriert auf charmante, doch feldwebelige Art, wie die süßen Köstlichkeiten zubereitet werden – zack-zack werden die Zutaten geknetet und ausgestochen und ab damit (zack!) ins Backrohr. Während die Scones ihrer Vollendung entgegenstreben, führt uns der Schäfer Fintan Connolly in den Stall, wo Mutterschafe ihre Jungtiere säugen und ein alter und ein junger Schäferhund ihre Siesta feiern und sich nur ungern aufwecken lassen. Langsam, doch effizient, schlurft der alte Hund um die Herde auf der Weide und treibt sie auf Pfiff zusammen; energievoller, doch weniger professionell meistert der junge die Aufgabe. Wer vom Anblick zweier verwaister Lämmchen, die mit Flaschenmilch hochgepäppelt werden, noch nicht gerührt war, zerfließt garantiert angesichts des gerade zwei Tage alten Fohlens, das auf wackeligen Beinen wie ein kleiner Schatten an seines Mutters Flanke klebt.
Städtische Pendants
Der eine heißt Anthony, der andere Padraig, beide sind Musiker in der irischen Hauptstadt Dublin, die berühmt ist für ihre Dichter, ihren Whiskey und ihre Pubszene, die schräger kaum sein könnte. Man isst und trinkt, so weit, so gut. Dann erscheint von nirgendwo eine Gitarre, es greift ein bis dahin unauffälliger Typ in die Saiten und stimmt ein Lied an, es beginnt der Dubliner zu nicken und zu stampfen – der Abend hebt ab. Man klatscht nicht, belehrt uns Anthony, der Begleiter unseres „Pub crawls“, denn ein Lied kann gut 45 Minuten lang dauern, der Klatschende wird durstig, sehnt sich nach einem Schluck, und immer gewinnt das Bier den stillen Kampf. Den Rhythmus stampfen und gleichzeitig das Bier genießen, so geht das.
Als Intermezzo etwas ganz und gar Nüchternes: „Book of Kells“ heißt der ganze Stolz der Iren, eine mittelalterliche, reich geschmückte Evangelien-Sammlung, die im Trinity College in Dublin ausgestellt ist. Die feine Kalligraphie und die Ehrwürdigkeit des Alters stimmen den Besucher auf den Anblick der literarischen Schätze ein, die in der Bibliothek des Colleges in Schwindel erregenden Höhen aufgereiht stehen, Rücken an Rücken, Gelehrsamkeit über die Jahrhunderte. Draußen dann das lachende, lebensfrohe Gegenstück, Tee und Shortbread, Kaffee mit Whiskey und Sahnehäubchen („Irish Coffee“), Musik und Guinness – wie der Tag auch weitergeht, er wird fröhlich, schwungvoll und nicht ganz nüchtern seinem Ende zustreben.
Blaguss & Tourism Ireland waren die Gastgeber einer frühlingshaften Pressereise zu den Highlights Zentralirlands. Blaguss präsentiert die grüne Insel mit vielfältigen Gruppen- und Individualreisen; Tourism Ireland, zuständig für die gesamte Insel, informiert das Fachpublikum unter Tel.: 01/58 18 92 270, E-Mail: skorb@tourismireland.com sowie im Internet unter www.entdeckeirland.at.
Autor: Maria Schoiswohl
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