Zu Gast bei indischen Gewürzbauern
23 April 2009, 02:01
Die bekannteste touristische Attraktion Keralas sind zweifellos die Hausboote in den Backwaters – eine verträumte Form, sich mit den Geheimnissen dieses gastfreundlichen Bundesstaats vertraut zu machen. Eine ungleich spannendere, weil authentischere Art, mit Land und Leuten in Kontakt zu treten, hat Gopinath Parayil mit seinem Unternehmen "The Blue Yonder" auf die Beine gestellt.

Back to the roots
Angesiedelt sind diese Mikro-Projekte durchwegs rund um den Fluss Nila, mit 209 km der längste Fluss Keralas. Gopi hat zum Nila eine ganz besondere Beziehung: Aus seiner Kindheit kannte er den Fluss am Ende der Monsunzeit als riesigen, unüberwindbaren Strom. Als er knapp 25 Jahre später die Asche seines verstorbenen Vaters nach hinduistischem Ritual im Fluss verteilen sollte, fand sich Gopi vor einem ausgedünnten, sterbenden Gewässer wieder. Dieser Eindruck war so stark, dass er kurzerhand sein Studium an der renommierten Oxford-Universität sausen ließ und beschloss, sich künftig der Rettung seines Flusses - und damit der dort verwurzelten Kultur und Tradition - zu widmen. So gründete er 2003 "The Blue Yonder".
Vom Ton zur Musik
Das Wesentliche an Gopis Konzept ist das Einbinden der örtlichen Bevölkerung, vorrangig der unterprivilegierten Schichten. Zum Beispiel den alten Töpfer Gopalam, der seine tönernen Gebrauchsgegenstände heute noch nach alter Tradition herstellt. Konzentriert, mit viel Hingabe und großem handwerklichen Geschick, was in hervorragender Qualität mündet. Mit dem entscheidenden realwirtschaftlichen Nachteil, dass die Lebensdauer dieser Kochgefäße sehr, sehr lang ist. So ist der kleine Betrag, den die Nila Foundation ihm für einige Monate bereitstellt, essentiell für sein Überleben. Weitere Beiträge liefert der eine oder andere Tourist, der an handgemachten Reiseandenken mehr interessiert ist als an maschinell gefertigter Massenware. Ein ebenso eindrucksvoller Besuch gilt einem Messinggießer, der ebenfalls in Gopis Projekte eingebunden ist. Auch ihm bringt die lange Lebensdauer seiner Öllampen und Glöckchen viel Anerkennung, aber wenig Lebensgrundlage. Mit allen Fasern des Körpers erleben wir die Vorführung eines Tempelorchesters: Mitten im Dschungel, vor der malerischen Kulisse eines hinduistischen Dorftempels, marschieren die Musiker auf. Das Spiel auf der Idakka, der großen Trommel mit dem Klang eines Saiteninstruments, erfordert nicht nur Rhythmusgefühl und Musikalität; der modellierte Körper des Trommlers lässt erahnen, mit wie viel Muskelkraft die Tonleitern dem Instrument entlockt werden. Auch hier ist es Gopi, der den Besuchern den Zugang zu diesem Erlebnis erschließt.
Respekt als Voraussetzung
Die kulturellen Darbietungen, die Gopi in seine Programme einbindet, finden nie im sterilen Ambiente eines Hotels, sondern immer im authentischen Umfeld statt. Damit ist der direkte Kontakt zu den Künstlern sowie den Dorfbewohnern gegeben, die an den Vorführungen ebenso begeistert teilhaben wie die Besucher. Entscheidend für alle Beteiligten, die mit "The Blue Yonder" in Kontakt stehen, ist deren Freiheit "nein" zu sagen. Wenn eine Gemeinschaft keinen Wert auf Kontakt mit Touristen legt, wird das akzeptiert. Schließt man jedoch aus der schüchternen Freundlichkeit, mit der wir allseits empfangen werden, so ist das Interesse an der Interaktion durchwegs groß. Dass bei einem so unmittelbaren Kontakt zur Bevölkerung ein respektvoller Umgang mit den lokalen Eigenheiten Voraussetzung ist, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Von der Hand in den Mund
Die Unterbringung erfolgt in kleinen, gepflegten 3-Sterne-Hotels oder bei Gewürzbauern in blitzsauberen, komfortablen Appartements oder Zimmern. Da man schon mitten im Grünen sitzt, was liegt näher als ein Spaziergang durch eine Plantage? Schon das Atmen wird zum Genuss: Es mischen sich die Düfte von Nelken, Muskat, Pfeffer, Vanille und vielen weiteren Gewächsen, die in Europa nur in exotischen Kochbüchern auftauchen. Allgegenwärtig sind Reisfelder in üppigen Grünschattierungen, in denen Frauen in bunten Saris fröhliche Akzente setzen. Ein ähnliches Farbschema bietet auch die köstlich leichte Küche Keralas: Ein frisches Bananenblatt ersetzt den Teller, auf dem ungeschälter Reis, das Grundnahrungsmittel, appetitlich mit Currys aus Joghurt und Gemüse angeordnet wird, alles in zartem Gelb und Grün gehalten. Abgerundet wird das Bild durch bunte Tupfer aus Kokos-Ananas-Chutney, frittierten Bananenchips und Chilischoten. Für europäische Gaumen wie Mägen besonders wichtig, die Speisen sind durchwegs mild und sehr bekömmlich. Dennoch ist eine Mahlzeit in Kerala mitunter eine körperliche Herausforderung: Gegessen wird auf dem Boden sitzend, die rechte Hand ersetzt das Besteck. Mit drei Fingern formt man Reis und Sauce zu kleinen Bällchen, die möglichst ohne zu kleckern in den Mund zu schieben sind. Was bei den heimischen Gastgebern mit selbstverständlicher Grazie vonstatten geht, erinnert bei uns ungeübten Essern eher an längst vergessene Fehltritte der Kindheit.
Man tanzt mit den Augen
Weit über die Grenzen Keralas bekannt ist die größte Schauspiel-, Tanz- und Musikakademie des Landes, die Kalamandalam-Schule in Cheruthuruty. Rund 500 Schüler zwischen sechs und 16 Jahren durchlaufen eine Ausbildung, die mindestens "acht Monsune" dauert. Den mehr als 1.800 Jahre alten Künsten wie Katakali und Kuttiyatam, dem klassischen Sanskrit-Theater, ist gemeinsam, dass "mit den Augen getanzt" wird. Mit voller Konzentration bewegen sich – streng getrennt – Gruppen von Mädchen oder Buben zu den Anweisungen der Lehrer. Unermüdlich werden Sequenzen wiederholt, Schrittkombinationen geübt, begleitet von anmutigen Handbewegungen. Doch das Eindrucksvollste dabei sind: die Augen. Zugegeben, schwarzäugige Inderinnen und Inder haben’s leichter, den westlichen Besucher in ihren Bann zu ziehen. Aber schon nach kurzer Beobachtung durchlebt man das Drama, in dem die feingliedrige Tänzerin sich gerade tief enttäuscht von ihrem Angebeteten abwendet, um wenig später - nachdem Kummer, Verzweiflung und Hoffnung durchlaufen sind - mit strahlendem Blick ans Ziel ihrer Wünsche zu gelangen.
Reiseführer statt Sandschmuggler
Einer der Hauptgründe für das langsame Sterben des Flusses Nila ist der unkontrollierte Sandabbau. Durch den relativen Wohlstand ist ein wahrer Bauboom entflammt. Bisher hat sich erst eine Handvoll Bootsbesitzer, die mit ihren traditionellen "Thonis" Sand transportierten, vom Schmuggel abgewandt, um stattdessen Touristen durch die Backwaters zu rudern. Der Verdienst ist zwar nicht so hoch, dafür redlich erworben - mit der Aussicht, dass die Lebensader der Region auch künftig Bestand haben kann. Für den Reisenden jedenfalls zählt eine solche Bootstour zu den unvergesslichsten Eindrücken. Die dicht bewachsenen Ufer werden nur hin und wieder von kleinen Dörfern durchbrochen. Eine Teepause – charmantes Erbe der britischen Kolonialzeit – in einem der winzigen Weiler sorgt für Aufsehen. Nur selten geht sichtlich eine Truppe ausländischer Gäste an Land, um den süßen, milchigen Chai zu genießen. Die Weiterfahrt direkt in den Sonnenuntergang, mit scherenschnittartiger Palmblatt-Kulisse, ist schon so hart an der Grenze zum Kitsch, dass man zögert, die Kamera zu zücken. Man tut es natürlich trotzdem - und freut sich nach der Rückkehr umso mehr darüber.
www.theblueyonder.com
Autor: Franz PAUL
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